Salz riechen, Wellen fühlen, dem Wind in den Segeln folgen. Einmal im Leben den Atlantik bezwingen – nicht im Flugzeug, nicht an Bord eines Kreuzfahrtriesen, sondern allein mit der Kraft des Windes. So wie einst Kolumbus, nur ohne Eroberungsdrang, aber ebenso grosser Neugier.
Segel setzen, Kurs aufnehmen, Tag für Tag nur ein endloses Himmelszelt über mir. Horizont, Wasser und der wohltuende Rhythmus der Natur. Diese Vorstellung hatte ich lange in mir getragen. Im letzten Spätherbst wurde aus dem Wunsch endlich Wirklichkeit: Ich stach in See – an Bord der Sea Cloud Spirit, eines eleganten Dreimasters, der Tradition und Luxus verbindet. Von Gran Canaria machte ich mich auf die Reise über dreieinhalb Tausend Seemeilen von den Kanarischen Inseln bis in die Karibik und war dabei unterwegs auf den Spuren wagemutiger Seefahrer und Entdecker.

SEGELNDES TRAUMSCHIFF
Die Sea Cloud Spirit ist ein Windjammer mit beeindruckenden Eckdaten. Das Schiff ist knapp 140 Meter lang und hat drei Masten, wovon der Grossmast auf 58 Meter über der Wasserlinie aufragt. 28 Segel weisen eine Gesamtfläche von 4100 Quadratmetern auf, was der Fläche von mehr als drei Olympia-Schwimmbecken entspricht. Sind alle Segel aufgezogen, wirkt der schnittige Dreimaster wie ein majestätischer Vogel, der mühelos seine Schwingen in den Wind legt.
Das Setzen der riesigen Segel bietet Gästen ein tägliches Schauspiel. Achtzehn Männer und Frauen klettern wagemutig in die Wanten, lösen einer kühnen Choreografie ähnelnd Leinen und entrollen damit gigantische Tücher, die sofort im Wind zu leben beginnen. Fasziniert schaue ich zu, wie die Crew in schwindelerregender Höhe scheinbar schwerelos arbeitet. Wie sich die Segel füllen, erwacht das Schiff, gleitet aber dennoch beinahe lautlos durch die Wellen. Einzig das beruhigende Plätschern des Wassers entlang des Bugs ist zu hören.
Die Sea Cloud Spirit ist das jüngste Mitglied der Sea Cloud Familie. Für maximal 136 Gäste kombiniert sie Segelromantik mit viel Raum für Individualität und einem Wohlfühlanspruch des 21. Jahrhunderts. Heutzutage ein Dreimast-Vollschiff mit traditioneller Takelage zu bauen, mag ungewöhnlich erscheinen. Für die Reederei ist es nur ein weiteres Bekenntnis zu ihrer wahren Segelleidenschaft. Mit der klaren, klassischen Linie folgt die Sea Cloud Spirit dem Vorbild ihrer anmutigen Windjammer-Geschwister, geht aber komfortmässig neue Wege.



IN ERFAHRENER HAND
Wer ein derartiges Schiff sicher über den Atlantik segeln will, braucht neben nautischen Kenntnissen jede Menge Erfahrung und eine gute Portion Gelassenheit. Kapitän Jens Berends ist der Mann für den Job. Der sympathische, allgegenwärtige Kommandant strahlt die Ruhe in Person aus. Der nahbare 55-Jährige aus Bremerhaven arbeitet seit mehr als drei Jahrzehnten auf Schiffen aller Art. Ein Leben an Land kann und will er sich aktuell gar nicht vorstellen.
Der Kapitän erklärt Interessierten bereitwillig die Logik der Passatwinde, die uns jetzt, Anfang November, zuverlässig und mit der Konstanz eines Uhrwerks von Ost nach West tragen. Mit einem zufriedenen Lächeln fügt er an, dass die Brisen ansonsten das ganze Jahr über nicht so regelmässig seien wie gerade jetzt. Scheinbar wusste schon Columbus die besonders günstigen Windverhältnisse dieser Jahreszeit für seine Atlantik-Überquerungen zu nutzen.
NATURBÜHNE ATLANTIK
Manchmal ist die See spiegelglatt, ein andermal tanzen Wellenberge wie wandernde Hügel. Einmal begleiten uns Delfine, die vor dem Bug tollkühne Sprünge darbieten. Ihre Freude, die Bugwellen zu surfen, ist greifbar und ich kann nicht genug von ihren Kunststücken sehen. Ein andermal setzt sich eine Falkenraubmöwe wie aus dem Nichts auf die Reling und inspiziert das Schiff. Sie ist auf dem Weg von arktischen Regionen in Richtung Südatlantik, wo sie überwintern wird. Dass wir ihren Weg kreuzen, nutzt der Ausdauerspezialist für eine kurze Verschnaufpause.
Die eigentliche Attraktion meiner Seereise ist die überwältigend grossartige Natur. Jeden Morgen erhebt sich die Sonne aus dem Wasser, um am Abend wieder ins Meer zurückzusinken. Regenbogen spannen sich über den Himmel und Wolkentürme wachsen zu imaginären Skulpturen heran, um sich im nächsten Moment wieder aufzulösen.
Manchmal überkommt mich ein Gefühl von Winzigkeit: Unser Schiff mag 138 Meter lang sein, aber wir sind nur ein Punkt in der Unendlichkeit des Atlantischen Ozeans. Je länger meine Reise dauert, desto grösser wird das Privileg frei von Lärm, frei von Ablenkung und frei von Terminen zu sein. Die Tage auf hoher See sind wie Meditation. Ich lese, schreibe ein Tagebuch, schweige, schaue über das Wasser zum Horizont und staune. Diese sanftmütige Stille ist zu einem Luxus geworden, den ich zurück an Land vermissen werde.


GOURMETERLEBNISSE AUF SEE
Das grosse Frühstück wird im Restaurant als Buffet aufgetischt, während das Mittagessen jeweils in Form eines Buffets auf dem Lidodeck oder im Restaurant serviert wird. Am Nachmittag gibt es zu Kaffee und Tee süsse Spezialitäten. Das Abendessen wird als Auswahlmenü mit jeweils einer zusätzlichen vegetarischen Option im Restaurant serviert. Zum Gala-Dinner präsentiert der Küchenchef ein exklusives Fünfgänge-Menü. Auf der Sea Cloud Spirit bietet das Bistro auf dem Lidodeck parallel zum Abendessen im Restaurant eine zeitlich flexible und legere Alternative. In Kombination mit einem Drink lässt ein Late-Night Snack schliesslich den Abend kulinarisch ausklingen.
Die Sea Cloud Spirit ist ein Outdoor-Erlebnis. Deshalb werden oft Mahlzeiten am Tag unter einem Baldachin an Deck aufgetischt. Das Buffet befindet sich zwar eine Etage tiefer, wer sein Tablett aber nicht selbst die Treppe hochtragen möchte, erhält Unterstützung von einer ganzen Armee hilfsbereiter Stewards.



ENDLOSES FIRMAMENT
Es ist Nacht geworden, um mich ist es stockdunkel. Und doch ist es jetzt an Deck heller als viele beleuchtete Plätze an Land sind, denn der Nachthimmel steht buchstäblich in Flammen. Links und rechts, vor und hinter mir blinzeln Millionen von Sternen vom Firmament und die Milchstrasse dehnt sich wie ein funkelndes Band weit über der Sea Cloud Spirit aus. Inmitten dieser stellaren Leuchtkraft strahlt Saturn mit seinem unverkennbaren Ring.
Die meisten Mitreisenden sind inzwischen an Deck, sie liegen eingekuschelt in Decken auf bequemen Liegen und warten auf ein besonderes Schauspiel. Werden wir heute Zeugen eines Goldregens aus Sternschnuppen? Aber letztlich haben wir kein Glück; Wolken haben sich gebildet, als ob jemand einen imaginären Bühnenvorhang zugezogen hätte.

HIMMLISCHER SCHLAF
Dass ein Segelschiff nicht gleichbedeutend mit engen Kojen und niedrigen Decken sein muss, beweist die Sea Cloud Spirit. Reisenden stehen auf drei Decks sechs Kabinentypen zur Auswahl. Es gibt drei Owner- und 22 Junior-Suiten mit Balkon, sieben De-Luxe-Lido-Aussenkabinen mit Panoramafenstern zum Öffnen und 37 De-Luxe- und Superior-Aussenkabinen. Äusserst komfortable Betten, Sitzgelegenheit, Bad mit Dusche und genügend Stauraum sorgen für ein einladendes Ambiente. Gleichzeitig schaffen sie einen Rückzugsort, in dem man abschalten und entspannen kann. Mit der eleganten Einrichtung in den Suiten und Kabinen begegnen sich Tradition und Zukunft des Reisens an Bord eines Grossseglers des 21. Jahrhunderts.
ENTSCHLEUNIGTES ERLEBEN
Schon am zweiten Tag habe ich das Gefühl für Zeit verloren. Hier draussen spielen Minuten und Stunden keine Rolle mehr, sie sind verschwunden aus meinem Tagesablauf. Weder Kalender, Termine noch Handyempfang bestimmen den Tag auf offener See. Sie haben lautlos und schnell liebgewonnenen Ritualen Platz gemacht: Vor Sonnenaufgang bin ich bereits auf dem Sonnendeck und schlürfe einen dampfenden Kaffee. Ganz allein geniesse ich die blaue Stunde, die sich wie ein Chamäleon allmählich in Violet- und letztlich in Orangetönen verwandelt. Anschliessend blinzle ich an Deck bei einer entspannenden Yoga-Lektion in das frühmorgendliche Sonnenlicht.
Nach dem Mittagessen wohne ich einer Weinverkostung bei. Wir probieren einige der exzellenten Tropfen, die mit uns über den Atlantik segeln. Da sind ausgezeichnete Rhein-Riesling, kräftige Tempranillo oder vollmundige Kreationen aus dem Bordeaux dabei, die dank der Ausführungen des Sommeliers noch besser schmecken. Am Nachmittag suche ich mir eine windgeschützte Liege und lese in der Biografie von Vasco da Gama, der vor mehr als 500 Jahren über den Atlantik zu Entdeckungsreisen aufgebrochen war.
Nach einem leckeren Abendessen im Restaurant geniesse ich auf dem Sonnendeck mit Mitreisenden einen kühlen Drink, bevor wir es uns in der Lidobar gemütlich machen. Aus der Hektik des Alltags bin ich angekommen – nicht nur auf dem Schiff, sondern in einem entschleunigten Leben.


UNTER STERNEN
Die letzte Nacht ist angebrochen und damit erwacht eine gewisse Wehmut in mir. Zuverlässig wie während der vergangenen Nächte präsentiert sich Saturn zwar in einem dumpfen, wenig lichtintensiven Schein. Auch auf Sternschnuppen warten wir vergeblich. Doch das macht nichts, denn was unauslöschlich bleibt, ist grösser als jeder meiner Wünsche: Ich habe den Atlantik überquert. Nur mit der Kraft des Windes, getragen von der Gemeinschaft und der unendlichen Weite des Meeres. Auf der Seereise von den Kanaren zur bunten karibischen Inselwelt habe ich einmal mehr erlebt, wie klein wir Menschen wirklich sind – und wie einzigartig es gleichzeitig ist, Teil des Ozeans zu sein.
LAND IN SICHT!
Wie eine Fata Morgana taucht ein dunkler Streifen am Horizont auf. Wir erspähen St. Maarten in der Distanz. Land ist unvermittelt in Sicht gerückt und das Staunen ist gross. Beinahe hätte ich vergessen, dass es überhaupt noch Küsten gibt – der Atlantik hat mich seit dem Ablegen in Gran Canaria absorbiert und in seinen Bann gezogen.
Die Sea Cloud Spirit wirft jetzt Anker, Schwimmmatten werden ins Wasser gelassen und liegen alsbald einer Perlenschnur gleich aufgereiht für uns bereit. Von der praktischen Badeplattform auf der Steuerbordseite springen wir ins Wasser. Herzhaft lachend tauchen wir in den Atlantik, fühlen die salzige Frische auf der Haut und geniessen den Moment. Das sind Augenblicke ausgelassener Freude, denn die karibischen Gewässer warten um diese Jahreszeit mit milden Temperaturen von über 25 Grad auf.
EPILOG
Die Überquerung des Atlantiks war weit mehr als Ferien im herkömmlichen Sinn. Sie war eine einzigartige Erfahrung, ein maritimes Abenteuer und zugleich eine wundervolle aquatische Meditation. 16 Tage habe ich nur Himmel, Meer und Wellen gesehen. Es werden 16 Tage sein, die meinen Blick auf die Welt verändert haben.
Während wir jetzt in St. Maarten von Bord gehen, weiss ich, dass ein Teil von mir auf dem Atlantik zurückbleiben wird. Es ist der offene Platz, wo sich die Segel blähen, die Sterne magisch funkeln und der Ozean seine ewige Melodie aus Wind und Wellenschlag singt.
T: Matthias Reimann
F: Sea Cloud Cruises
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