Ich heisse Luca und ich glaube, es gibt nichtvieles auf der Welt, dass mich so in seinen Bann zieht wie das Wasser. Sei es das gemächliche Plätschern eines Bergbachs in den Schweizer Alpen, die tosenden, an einer irischen Klippe zerschellenden Wellen des Atlantiks, die konstant fliessende, türkis schimmernde Aare im Berner Sommer, ein tropfender Eiszapfen im Frühling, das dumpfe Donnern einer brechenden Tube oder ein aus fünfzig Metern in die Tiefe stürzender Wasserfall irgendwo im Süden Chiles.
Seit meiner Jugend begleiten mich in den dunklen, grauen Wintertagen Melancholie und Antriebslosigkeit. Sonne und Meer funktionierten in meinem Leben stets als regulierendes Medium. Seit ich denken kann, trage ich eine Kamera bei mir und kaum stehe ich am Wasser, fange ich an, Momente einzufangen. Es sind diese Erinnerungen ans Wasser, das Zusammenspiel aus Licht, Klang und Geruch und die unberechenbaren, sich wiederholenden Rhythmen der Natur, die mir in meinem Leben immer wieder Freude bereiten.


EINTAUCHEN.
Vor bald einem Jahrzehnt habe ich mich entschieden, mich in meiner künstlerischen Praxis vollständig dieser Thematik zu widmen und Wasser aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Ich behaupte, dass die Faszination für das blaue Element ein globales Phänomen ist und wir viel über uns selbst lernen können, wenn wir uns vertieft mit solch fundamentalen Dingen wie dem Wasser auseinandersetzen.


Ob Harpune, Fischerboot oder Netz: bei Marzo, einem chilenischen Fischer, entscheidet die Natur jeden Tag die Art der Jagd.

KREATIV AUS DER KRISE.
Nach ein paar Schicksalsschlägen befand ich mich vor drei Jahren in einer tiefen Lebens- und Schaffenskrise. Inmitten dieser inneren Zerrissenheit keimte der Entschluss, nach Südamerika zu reisen. Chile zog mich magisch an – ein Land mit einer der längsten Küstenlinien der Welt. Ich sparte eisern und zum ersten Mal richtete ich meinen Fokus zu einhundert Prozent auf das Wasser. Ich begriff endlich, dass sich alles, was ich in meiner Freizeit oder meiner Kunst erschaffe – ob Skulpturen, Strand-Installationen, Illustrationen, Fotografien oder Malereien – um dieses eine, fundamentale Element dreht.
Chile offenbarte sich als absoluter Sehnsuchtsort für wasserpassionierte Menschen. Über sieben Jahre lang hatte ich mich in meiner Kunst alleine mit dem Thema Wasser auseinandergesetzt. In Chile öffnete sich mir plötzlich eine neue, kollektive Welt. Ich begegnete Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen, die eine tief verwurzelte Verbindung zum Wasser eint.

Vor zwei Jahren habe ich dann während meiner Zeit in Chile das Projekt LAYERS initiiert. Es entstand aus dem Bedürfnis, den Einfluss des Wassers auf uns Menschen sowie dessen Potenzial für unser körperliches, emotionales und gesellschaftliches Erleben besser zu verstehen und einen poetisch-künstlerischen Zugang dazu zu schaffen. Wir leben in einer sehr dynamischen Welt, die von Unsicherheiten und von zu vielen oder fehlenden Perspektiven geprägt ist. Ich frage mich, ob die Lösung für viele unserer Probleme nicht deutlich einfacher und greifbarer ist, als die meisten von uns glauben.
Ich begann, die Menschen, denen ich begegnete zu portraitieren. Ich sprach mit ihnen darüber, wieso Wasser einen so grossen Teil ihres Lebens einnimmt, wie es sie beeinflusst, inspiriert und sie in Balance hält. Aus anfänglichen Notizen für einen potenziellen Magazinartikel wurde schnell mehr und die ersten Filmaufnahmen entstanden.
EIN PROJEKT NIMMT FORM AN.
Als ich nach neun Monaten mit bergeweise Rohmaterial in die Schweiz zurückkehrte, stand ich vor der Herausforderung, ein Konzept zu entwickeln und aus dem Material etwas zu erschaffen. Die zündende Idee kam mir schliesslich bei einer Wanderung in den Schweizer Alpen im Rosenlauital. Ich wollte einen poetischen Dokumentarfilm realisieren. Ein Werk, bei dem die Zuschauer dem Fluss des Wassers von den Alpengletschern über europäische Flüsse und Seen bis ins offene Meer nach Lanzarote, Irland und Chile folgen und dabei auf die unterschiedlichsten Kulturen treffen.
Die Idee motivierte mich und meine Wasser-Reise ging weiter. Ich führte meine Portraits in der Schweiz, Irland und auf Lanzarote fort und traf dafür Brunnenheizerinnen, Wasserkraftwerkbetreiber, Flusssurferinnen, Klippenspringer, Wissenschaftlerinnen, Seglerinnen und Apnoetaucherinnen. Alle vereint durch ihre ganz eigenen Perspektiven auf das blaue Element.


Catalina Hotz, eine chilenische Wasserfotografin und Surferin mit deutschen Wurzeln

WASSERGEPRÄGTE LEBEN.
ei einer Begegnung mit Marzo, einem chilenischen Fischer, wurde mir klar, wie unterschiedlich Lebensrealitäten sein können. Während ich in meinem Schweizer Alltag froh bin, wenn ich es ein paarmal pro Woche schaffe, auf einer Flusswelle zu surfen, sieht Marzos Alltag anders aus. Er lebt in einer kleinen Fischerhütte am Strand von Pichilemu in Chile, ist 63 Jahre alt und jeden Tag im Wasser. Marzo ist ein Marino, ein Mann des Meeres. Sein Tagesablauf wird von den Gezeiten, der Temperatur, der Dünung und den Strömungen des Meeres vor seiner Haustür bestimmt. «Wenn ich morgens aufstehe, schaue ich aufs Meer und entscheide, ob ich heute mit der Harpune im seichten Wasser jage, mit dem kleinen Boot und dem Netz hinausfahre oder an den Klippen Muscheln, Seeigel oder Algen sammle. Das Meer bestimmt meinen Alltag. Es ist meine Uhr und mein Kalender.»
Als ich Catalina Hotz, eine chilenische Wasserfotografin und Surferin mit deutschen Wurzeln traf, beschrieb sie ihre Faszination wie folgt: «Eine der schönsten Eigenschaften des Wassers ist seine Fluidität und die Fähigkeit, sich an alle Formen und Umgebungen anzupassen. Im Fluss zu bleiben und ständig in Bewegung zu sein, das können wir vom Wasser lernen.»
Catalinas lockere Ausstrahlung und ihre Begeisterung für die kleinen, versteckten Schätze des Meeres war so ansteckend, dass ich während unserer gemeinsamen Zeit jedes Gefühl für die Zeit verlor. Überall und besonders unter Wasser entdeckt sie spannende Strukturen auf Muscheln, ästhetische Verflechtungen, besondere Formen und ulkige Tiere. Mit ihren Fotografien lädt sie dazu ein, die Welt aus dem Wasser heraus wahrzunehmen und dadurch zu lernen, Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und uns auf das, was uns im Wasser erwartet, einzulassen, dieses besondere Gefühl Unterwasser zu geniessen.
Easkey Britton, eine irische Wissenschaftlerin, die ich für mein Projekt getroffen und portraitiert habe, beschreibt es in ihrem Buch Ebb & Flow – Connect with the Patterns and Power of Water sehr treffend: «Many people who swim will attest to a feeling of freedom, not only from bodily constraints while being held by water, but also from being immersed in an environment free of judgement.»
Easkey, Catalina und Marzo sind drei von insgesamt achtzehn Personen, die ich kennenlernen durfte. Die Fülle an Geschichten und Perspektiven, die ich durch diese besonderen Menschen erfahren habe, hat mich tief berührt und dazu motiviert, ein grösseres Werk umzusetzen. Mit dem Projekt LAYERS entsteht nun ein poetischer Dokumentarfilm, der euch auf eine Reise entlang des Wassers mitnimmt. Der Film betrachtet Wasser als Spiel-, Freizeit- und Arbeitsraum, als sozialen Treffpunkt und als prägendes Element wassernaher Lebens- und Wohnformen. Er thematisiert die Kraft und Gefährlichkeit des Wassers, Wetterextreme sowie die ökologische Fragilität. Wissenschaftliche Perspektiven treffen auf künstlerische, ästhetische und philosophische.
Es ist ein Projekt, dass uns dazu anregen soll, unseren Faszinationen und Passionen mehr Raum zu geben, sie zu pflegen und daraus positive Energie zu schöpfen. Bei LAYERS geht es darum, solche Momente voller Passion und Leidenschaft zu kultivieren, sie mit unseren Mitmenschen zu teilen und uns gegenseitig in den Dingen zu bestärken, in denen wir gut sind und die wir gerne tun.
T: Luca Hartmann
F: Luca Hartmann
lokalhelden.ch/poesie-des-wassers









