Der Grand Soleil Cup ist vor allem ein Treffen unter Eignern: zwei Regattatage im Archipel von La Maddalena und die Gelegenheit, sich in Porto Cervo beim Yacht Club Costa Smeralda mit Yachten wiederzusehen, die bei dieser Ausgabe vom 37- bis zum 80-Füsser reichten. Die grösste Yacht der Flotte war zugleich die jüngste Neuheit. Bianca II, die erste Grand Soleil Plus 80 Long Cruise, gab ihr Debüt und belegte in der Gesamtwertung Rang zwei hinter der 72 Performance PantaRei 2.
Am Tag nach dem GS Cup gingen wir nochmals an Bord, um sie mit Matteo Polli und dem Werftteam zu testen. Der Mistral bläst anfangs mit rund 12 Knoten, lässt dann kontinuierlich nach – interessante Bedingungen, um zu sehen, wie sich ein 26-Meter-Cruiser bewegt, der mit allem ausgestattet ist, was lange Törns komfortabel macht.
Bianca II entstand aus der Erfahrung eines Eigners, der Grand Soleil bestens kennt. Er besitzt bereits eine Plus 72 LC, die er für eigene Törns und im Charter einsetzt. Mit der 80 wollte er den nächsten Schritt machen: eine grössere Yacht für die eigene Nutzung, zugleich als Investition für Charter auf hohem Niveau. Das erklärt viele Entscheidungen an Bord und zeigt die Bindung eines Kunden, der zur selben Werft zurückkehrt und nun eine komplexere, stärker personalisierte Yacht verlangt.
Die GS 80 Plus wird in Fano gebaut, am Standort von Cantiere del Pardo für Yachten über 60 Fuss. Die frühere Adria-Sail-Werft, später von der Gruppe übernommen, bündelt Erfahrung im Maxi- bau und ermöglicht die interne Fertigung der Plus-Linie. Matteo Polli verantwortet Naval Architecture und Segelplan, Nauta Design Exterieur, Interieur und Layout. Bianca II misst 26.20 Meter über alles, der Rumpf ist 23.99 Meter, die Wasserlinie 22 Meter lang und die Breite beträgt 6.60 Meter. Die Werft nennt 42.5 Tonnen Leichtverdrängung – ein üblicher Wert für einen Cruising 80-Füsser dieses Typs.



Besonders interessant ist die Verdrängung. Polli musste einen Rumpf entwerfen, der mit sehr unterschiedlichen Konfigurationen funktioniert: von einer Long Cruise wie Bianca II, mit elektrischem Antrieb, Batterien, Generatoren und allem für lange Törns und Charterbetrieb, bis zur leichteren Performance-Version. Mit dem Gewicht verändert sich die Eintauchtiefe und damit die Art, wie die Rumpflinien im Wasser arbeiten. Der Bug behält die für Pollis Entwürfe typische V-Form, um weich durch die Welle zu gehen; nach achtern nimmt das Volumen zu, während sich der Rumpf an der Wasserlinie verjüngt, um bei wenig Wind die benetzte Fläche zu reduzieren.
Und genau bei wenig Wind testen wir sie. Bei 10 bis 10.5 Knoten wahrem Wind laufen wir am Wind rund 6.5 Knoten. Am Steuer suche ich nicht die unmittelbare Rückmeldung einer Regattayacht. Interessanter ist, wie stabil Bianca II ihren Kurs hält, sobald der richtige Winkel gefunden ist. In der Wende trägt sie ihren Schwung gut mit und geht dank der Selbstwendefock weich auf den neuen Bug, ohne spürbar Geschwindigkeit zu verlieren. Die Lenkung ist progressiv, wie man es von zwei Ruderblättern erwartet, bleibt aber präzise genug, um zu erkennen, ob eine Trimmänderung etwas bringt oder kostet.
Die beiden Ruderblätter sind eine Folge des Teleskopkiels. Bei Bianca II lässt sich der Tiefgang von 2.90 auf 4.40 Meter vergrös- sern; Kielblatt, Mechanik und Kielbombe wiegen zusammen rund 11.5 Tonnen. Die angehobene Position dient nur Hafeneinfahrten oder flachen Ankerbuchten; unter Segel wird der Kiel vollständig abgesenkt. Bei 2.90 Metern Tiefgang wäre ein einzelnes, ausreichend tiefes und effizientes Mittelruder nicht möglich gewesen. Polli verteilte die Fläche deshalb auf zwei schlankere Ruderblätter mit höherer Streckung, nahe der Mittschiffslinie und um 15 Grad nach aussen geneigt. Anders als bei vielen sportlichen Doppelruder-Konzepten soll das Luvruder bei Lage nicht aus dem Wasser kommen: Beide Blätter bleiben auch bei gekrängter Yacht wirksam und sorgen bei langsamen Hafenmanövern für gute Kontrolle.
Der Mistral nimmt weiter ab, also rollen wir den FFR aus, den Flat Furling Reacher – an Bord schlicht «Frullone» genannt. Bei 10.5 Knoten wahrem Wind und 68 Grad scheinbarem Wind zeigt das Log 9.5 Knoten. Wir versuchen, ein paar Grad höher zu fahren, doch mehr Druck im Segel bringt keinen Vorteil; fallen wir leicht ab, steht der FFR wieder sauberer und das Log legt um einige Zehntel zu. Vielleicht der aufschlussreichste Moment des Tests: Eine kleine Änderung von Winkel und Trimm lässt sich direkt an der Geschwindigkeit ablesen.
Der Carbonmast von Axxon steht weit achtern, um das J-Mass zu vergrössern und den Vorsegeln mehr Fläche zu geben; insgesamt stehen rund 400 m2 Segelfläche zur Verfügung. Die Selbstwendefock vereinfacht die Manöver, alternativ ist eine 110 Prozent-Fock mit dreidimensional verstellbarem Schotpunkt vorgesehen. Winschen, Rollanlagen und Trimmfunktionen sind servounterstützt und um die beiden Steuerstände gruppiert; das Grosssegel kommt ohne Traveller aus, die Grossschot wird mittschiffs geführt und läuft unter Deck zu einer Captive-Winsch. So bleibt das Gästecockpit frei von laufendem Gut. Der V-Baum aus Carbon nimmt das Grosssegel beim Bergen auf, ohne Rollsystem.
| Grand Soleil Plus 80 Long Cruise | |
| Länge | 26.20 m |
| Rumpflänge | 23.99 m |
| Wasserlinie | 22 m |
| Maximale Breite | 6.60 m |
| Verdrängung | 42.5 t (Leichtgewicht) |
| Motoren Standard | YANMAR 4LV250 – 250 HP |
| Wassertank | ca. 1’300 l |
| Kraftstofftank | ca. 2’000 l |
| Tiefgang | 3.95 m |
| Segelfläche | 400 m2 |
| Kabinen und Badezimmer | 5 + 5 |
| grandsoleil.net |
Die wichtigste technische Individualisierung ist der elektrische Torqeedo-Antrieb mit 100 kW, direkt mit der Wellenanlage verbunden. Zwei Batterien mit je 40 kWh liefern insgesamt 80 kWh; zwei Fischer Panda-Generatoren mit je 45 kW können das System versorgen und die Akkus laden. Unter Segel kann der Propeller frei mitdrehen und Energie regenerieren. Der Gewinn liegt vor allem im Komfort: lautlos und ohne Vibrationen in den Hafen hinein- oder hinauszufahren und die Bordsysteme lange zu betreiben, ohne ständig einen Generator laufen zu lassen, verändert die Lebensqualität an Bord spürbar.
Unter Deck wird das Charterkonzept noch deutlicher. Die Erfahrungen mit der 72 führten den Eigner zu einer klareren Trennung zwischen Gästen und Crew. Alle vier Gästekabinen verfügen über ein eigenes Bad; ganz vorn liegt die Eignersuite, die übrigen Kabinen lassen sich flexibel für Paare, Familien oder Freundesgruppen nutzen. Im Heck konzentrieren sich professionelle Pantry, Navigation und Crewbereich, auch direkt vom Cockpit erreichbar. So kann die Crew arbeiten, ohne ständig Salon und private Gästebereiche zu durchqueren.


Ebenso bezeichnend ist der Verzicht auf eine Tendergarage. Der Raum wurde für mehr Kühlkapazität, Proviantstauraum sowie Geräte wie Geschirrspüler und Waschtrockner genutzt – Dinge, die auf einer Yacht, auf der man wochenlang lebt, deutlich mehr bringen. Der erhöhte Salon nutzt die grossen Glasflächen des Aufbaus und bietet fast rundum Blick nach draussen; 6.60 Meter Breite schaffen grosszügige Lounge- und Essbereiche. Unter dem Boden liegt ein grosser Technikraum für Systeme und Tanks, was Zugänglichkeit, Isolierung und Gewichtsverteilung verbessert.
Nauta Design hat Bianca II ein klares, aber keineswegs unpersönliches Interieur gegeben. Naturbelassene Eiche prägt Möbel und Verkleidungen und kontrastiert mit dem dunkleren Boden aus Alpi-Furnier; Paneele, Stoffe und einzelne Details setzen dezente asiatische Akzente. Grosse Möbel stehen auf Leichtbau-Unterkonstruktionen, Deckenverkleidungen und verschiedene Paneele entstehen in Sandwichbauweise. Die Qualität der Tischlerarbeit zeigt sich im Detail, und aussen wird echtes Teak noch immer Stab für Stab verlegt.
Als wir nach Porto Cervo zurückkehren, ist der Mistral nahezu eingeschlafen. Bianca II wurde nicht gebaut, um Regattaresultate zu jagen, auch wenn Rang zwei beim Grand Soleil Cup ein sehr gutes Ergebnis war. Am interessantesten ist nach diesem Test, wie selbstverständlich sie eine umfassende Ausstattung für Cruising und Charter mit dem Anspruch verbindet, auch bei nachlassendem Wind gut zu segeln. Genau hier zeigt sich die Arbeit an Rumpflinien, Segelplan und Unterwasseranhängen.
T: Giuliano Luzzatto
F: Cantiere del Pardo







