Am Cannes Yachting Festival trat Gianguido Girotti erstmals öffentlich in seiner neuen Rolle als Geschäftsführer von Nautor Swan und Bluegame auf und präsentierte die Weltpremiere Swan 80 – in dem Jahr, in dem die Werft ihr 60-jähriges Bestehen feiert. 170 Swan-Yachten trafen sich anschliessend in Porto Cervo zum grossen Rendez-vous der vielen Generationen von «Schwänen».

Synergien zweier grosser brands
Der im vergangenen Juni zum Geschäftsführer von Nautor Swan ernannte Girotti kennt sich mit Yachten aus. Er begann seine berufliche Laufbahn im Büro von Germán Frers und sammelte anschlies- send umfassende Erfahrung in der Yachtingbranche. Im 60. Jahr des Bestehens der Nautor-Gruppe ist es für ihn ein besonderer Job. «Nautor Swan zu leiten, ist eine Ehre und eine Verantwortung», erklärte Girotti. «Swan war schon immer ein Massstab: ein Name, der für Qualität, Handwerkskunst und Segelleistung steht. Ich bin stolz darauf, Teil einer aussergewöhnlichen Familie von Eignern, Seglern und Mitarbeitenden zu werden, die dazu beigetragen haben, dieses Erbe zu schaffen.“ Werftgründer Pekka Koskenkylä hätte sich vor 60 Jahren wohl kaum diese Erfolgsstory erträumen können. Von den 36 Fuss der ersten Swan «Tarantella» (zum Jubiläum liebevoll restauriert) verlassen heute riesige Maxiyachten wie die 128 Fuss lange «Be Cool» die Hallen in Pietarsaari.
Was die Strategie angeht, setzt Girotti auf Kontinuität: «Unser Ziel ist es, eine solide Produkt- und Markenstrategie zu entwickeln, damit Swan auch weiterhin die erste Wahl für die anspruchsvollsten Eigner bleibt. Wir werden fortwährend in Innovation investieren und dabei die DNA bewahren, die jede Swan einzigartig macht. Innovation betrifft nicht nur die Technologie: sie betrifft auch Ideen und die Suche nach neuen Wegen, das Leben auf See zu geniessen. Unser Ziel ist ein nachhaltiges und langfristiges Wachstum.»
Die Weiterentwicklung der Modellpalette wird schrittweise erfolgen und zielt darauf ab, das Angebot zu erweitern, ohne die Konstruktionsprinzipien der Werft zu verändern. In Cannes lag neben dem 80-Füsser in Port Canto auch die Swan 58 vor Anker und die sich derzeit im Bau befindende Swan 73 wurde – im Hinblick auf die für 2027 in Cannes geplante Weltpremiere – erstmals vorgestellt.
Nautor Swan ist vor zwei Jahren in die Sanlorenzo-Gruppe eingetreten. Was ändert sich durch diese neue Konstellation? Anlässlich des Rolex Swan Cup trafen sich Massimo Perotti und Gianguido Girotti mit einer ausgewählten Gruppe internationaler Journalisten im Modellraum des Yacht Club Costa Smeralda, der «Sala Azzurra». Im Laufe des Treffens sprachen der Präsident und CEO von Sanlorenzo sowie der neue CEO von Nautor Swan verschiedene Themen im Zusammenhang mit der finnischen Werft, ihrer Entwicklung und der Beziehung zur Sanlorenzo- Gruppe an. «Wir müssen noch kundenorientierter sein», erklärte Girotti. Ein Konzept, das seiner Vision nach über die traditionelle Beziehung zwischen Werft und Kunde hinausgeht und die Gesamtheit der Werte und Erfahrungen umfasst, die sich um die Marke drehen. Die Yacht selbst steht weiterhin im Mittelpunkt, wird aber auch zu einem der Elemente, die eine Gemeinschaft zusammenbringen, die Swan im Laufe der Jahrzehnte aufgebaut hat. Der Rolex Swan Cup ist ein konkreter Beweis dafür: 170 Boote – die maximal zulässige Anzahl – sind aus zahlreichen Ländern in Porto Cervo eingetroffen und gehören zu sehr unterschiedlichen Generationen der Produktion der finnischen Werft.
Girotti betonte, dass einer der Aspekte, die ihn an der Welt von Swan am meisten beeindruckt haben, der gemeinsame Stolz der Eigner und der Menschen ist, die in der Werft arbeiten. «Wir besitzen nicht einfach nur eine Yacht, wir besitzen eine Swan», bemerkte er und fasste damit eine Beziehung zur Marke zusammen, die auch bei Booten, die vor vielen Jahren gebaut wurden, nach wie vor stark ist. Von hier geht auch die Produktentwicklung aus. Zukünftige Modellreihen müssen das Erbe der Werft wahren, gleichzeitig aber auch Innovation, neue Lösungen und noch wenig erschlossene Segmente integrieren. Girotti sprach von der Notwendigkeit, den Mut zu haben, «Neuland zu erkunden», ohne dabei jedoch die Elemente aus den Augen zu verlieren, die eine Swan sofort erkennbar machen. Massimo Perotti ging dasselbe Thema aus einer anderen Perspektive an und beleuchtete dabei die verschiedenen Gruppen, die innerhalb der Marke nebeneinander bestehen. Es gibt Eigner, die besonders den von Sparkman & Stephens entworfenen Swans verbunden sind, andere, die eine wichtige Phase in der Geschichte der Werft mit Ron Holland verbinden, wiederum andere mit Germán Frers. Eine Segmentierung, die nicht aus dem Marketing stammt, sondern aus der Geschichte von Nautor Swan selbst und aus der Verbundenheit der Eigner mit bestimmten Entwurfsepochen. Perotti verglich diese Leidenschaft hinsichtlich ihrer Intensität mit der von Ferrari- Sammlern. Es ist ein Erbe, das die neue Struktur der Gruppe auch während der Wachstumsphase bewahren muss.
Der Einstieg von Nautor Swan bei Sanlorenzo verschafft der Werft Zugang zu grösserem industriellem und technologischem Know-how, wobei die Identitäten der verschiedenen Marken getrennt und erkennbar bleiben. Ein Beispiel dafür ist die Entwicklung von «Swan Alloy». Das Projekt der 44 Meter-Aluminiumyacht wurde bereits ausführlich präsentiert, doch während des Treffens stellte Girotti es in einen weiteren Zusammenhang und definierte «Alloy» als neuen Geschäftsbereich, der das Angebot von Swan auf grössere Yachten mit einem immer höheren Mass an Individualisierung ausweiten soll. Perotti sieht gerade im Segment der grossen Segelyachten eines der Entwicklungsfelder für die Zukunft. Nautor Swan wird weiterhin auf Finnland zurückgreifen, was den Bau aus Glasfaser- und Carbon-Verbundwerkstoffen betrifft – ein Bereich, der heute bis zur Swan 128 reicht –, während der Einstieg in die Klasse über 40 Meter spezifisches Know-how in der Aluminiumverarbeitung und eine andere Produktion erfordert.


Erfolg dank Synergie
«Die erste 44-Meter-Yacht aus Aluminiumlegierung wird ausserhalb Finnlands gebaut, da man in Finnland zwar über Spitzentechnologie im Bereich Verbundwerkstoffe verfügt, aber keine Erfahrung im Aluminiumbau hat. Rumpf, Deck und Aufbauten wurden in den Niederlanden in der Werft Gouwerok gefertigt. Von dort wird die Yacht nach Viareggio überführt, wo der Innenausbau, die Inbetriebnahme und die Auslieferung erfolgen und wir somit einen Grossteil der Perini-Lieferkette nutzen, die seit Jahren bewährt sind und deren Verarbeitungsqualität anerkannt ist», erklärte Perotti. Diese Aufteilung der Produktion auf mehrere Standorte zeigt konkret, wie Sanlorenzo beabsichtigt, bereits in der Gruppe vorhandene Kompetenzen in den neuen Swan-Kurs zu integrieren, wobei das in Finnland im Verbundbau erworbene technologische Know-how erhalten bleibt.
Perottis Überlegungen basieren auch auf den Erfahrungen mit der Sanlorenzo- Kundschaft, die sich in vielen Fällen aus Eignern zusammensetzt, die an grosse Motoryachten und ein hohes Mass an Komfort gewöhnt sind. Laut Perotti könnte sich ein Teil dieser Kundschaft auch aufgrund des wachsenden Interesses an Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit dem Segelsport zuwenden, insbesondere seitens der jüngeren Generationen in den Eignerfamilien. Daraus entstand das Konzept eines Bootes, das Komfort und Leistung vereint. Perotti verwendete den Ausdruck «Cruising Performance» für Yachten, die mit einem Komfortniveau segeln sollen, das den Erwartungen von Eignern aus dem Motorbootbereich entspricht, dabei aber die seglerischen Eigenschaften beibehalten, die typisch für die DNA von Swan sind. Die erste Swan Alloy 44, die Perotti selbst bestellt hat, fliesst in diesen Ansatz ein und stellt zugleich den ersten Testfall für dieses neue Produk- tionsmodell dar.
Die Beziehung zwischen Sanlorenzo und Nautor Swan wird jedoch nicht als einseitig betrachtet. Perotti erklärte, dass zwei Jahre nach der Übernahme gewisse Einflüsse nun auch in die entgegengesetzte Richtung zu wirken beginnen. Als Beispiel nannte er «She», die neue Motoryacht von Sanlorenzo, die sich durch ein stilistisches Konzept auszeichnet, das an die 1960er Jahre erinnert, kombiniert mit modernen Antriebssystemen und Technologien. Ein Projekt, das Perotti als Exempel für eine «umgekehrte Befruchtung» betrachtet, bei der die Erfahrungen, die durch das Eintauchen in die Welt des Segelsports gesammelt wurden, schliesslich auch ein Produkt von Sanlorenzo beeinflusst haben.
Das Wachstum von Nautor Swan wird daher über neue Modellreihen und eine breitere Nutzung der innerhalb der Gruppe verfügbaren Kompetenzen erfolgen. Und mit einer Produktionsstruktur, die sich je nach Materialien, Grösse und Eigenschaften der neuen Yachten über den historischen finnischen Standort hinaus ausdehnt. Perotti und Girotti wiesen gleichzeitig auf die Notwendigkeit hin, jene Kontinuität zwischen Produkt, Eignern und der Geschichte der Werft zu bewahren, die es Swan ermöglicht hat, im Laufe der Zeit eine besonders geschlossene Gemeinschaft aufzubauen.


T: Fabio Petrone
F: Nautor Swan / Rolex
Aus dem Italienischen von Stefan Detjen

