253 Yachten, rund 4000 Segler, eine Rekordflotte von 51 Maxis und drei majestätische J-Class-Yachten: Die 28. Ausgabe der Les Voiles de Saint-Tropez bot vom 26. September bis zum 4. Oktober 2026 ein Spektakel der Extraklasse. Dazu Sonne, ideale Windverhältnisse und ein ebenso hochkarätiges wie bunt gemischtes Teilnehmerfeld. Selten zeigte sich die ganze Faszination des Segelsports so eindrücklich wie in dieser ersten Herbstwoche an der Côte d’Azur.


Manchmal genügt ein einziger Anblick, um zu wissen, dass etwas Besonderes bevorsteht. Wenn eine der gewaltigen J-Class-Yachten den Hafen von Saint-Tropez verlässt, wenn ihre hohen Masten die Dächer des Hafenstädtchens überragen und die Mannschaften auf den riesigen Decks die Segel vorbereiten, dann wird selbst das sonst so geschäftige Treiben an der Hafenpromenade für einen Augenblick zur Nebensache. 2026 gab es dieses Schauspiel gleich dreifach zu bewundern. Mit Svea (Niklas Zentröm), Rainbow (Peter Harrison ) und Hanuman (Giovanni Lombardi Stronati ) waren drei der spektakulärsten Yachten der Welt angetreten, um sich vor der Küste von Pampelonne zu messen. Sie wurden zu den unbestrittenen Stars einer Veranstaltung, die auch sonst nicht mit Superlativen geizte.

Drei Giganten, ein Sieger
Die Begegnung der drei J-Class-Yachten war schon vor dem ersten Start das Gesprächsthema der Voiles. Schliesslich sind direkte Duelle dieser eleganten Giganten selten geworden. Und die drei Teams machten deutlich, dass sie nicht nur gekommen waren, um ihre Yachten vorzuführen. Bereits am ersten Regattatag setzte sich die schwedische Svea von Skype-Gründer Zennström durch. Doch ihre Konkurrentinnen liessen sich keineswegs abschütteln. Über die gesamte Woche entwickelte sich ein faszinierender Dreierkampf, bei dem taktische Präzision, perfekt koordinierte Manöver und die optimale Nutzung der wechselnden Windbedingungen den Ausschlag gaben. Am Ende lagen Svea und Rainbow mit jeweils neun Punkten gleichauf. Erst die Tie-Break-Regel entschied zugunsten von Svea. Hanuman folgte mit nur einem einzigen Punkt Rückstand. Knapper hätte die Entscheidung kaum ausfallen können. Für Zennström gab es zudem den Corinthian King’s Cup als bester selbst steuernder Eigner der J-Class.
Rekorde bei den Maxis
Nicht weniger eindrücklich präsentierte sich die Flotte der grossen Maxiyachten. Mit 51 Einheiten erreichte sie einen neuen Teilnehmerrekord und bot vom eleganten Performance-Cruiser bis zur kompromisslosen Rennmaschine nahezu alles, was der moderne Hochleistungs-Yachtbau zu bieten hat. Besonders umkämpft war die Maxi-1-Klasse. Hier setzte sich Jethou von Sir Peter Ogden mit sechs Punkten gegen die Konkurrenz durch. Bemerkenswert daran: Die ursprünglich 2012 gebaute und später modifizierte und verlängerte Yacht behauptete sich gegen wesentlich jüngere Konstruktionen.
Auf Platz zwei folgte V von Karel Komárek, die sich ihrerseits den Titel der IMA Mediterranean Maxi Inshore Challenge sicherte. Dritte wurde Balthasar von Filip Balcaen. Auch in den übrigen Maxi-Klassen ging es eng zu. Lyra gewann die Maxi 2, Yoru die Maxi 3 und Blue Oyster die Maxi 4. Letztere wurde zusätzlich als beste Maxi aller Kategorien ausgezeichnet.
Die zeitlose Schönheit der Klassiker
Während die modernen Maxis mit Carbon, Hightech-Riggs und immer raffinierteren Rumpfformen beeindruckten, entfaltete sich in der Flotte der klassischen Yachten eine ganz andere Magie. 77 historische und traditionelle Segelyachten waren angetreten. Von der 1890 gebauten Sky bis zu den mächtigen Schonern präsentierten sie eine eindrückliche Vielfalt der Yachtbaukunst. Zu den imposantesten Erscheinungen zählte die beinahe 70 Meter lange Atlantic. Der Nachbau des berühmten Dreimastschoners zog unter seiner gewaltigen Segelfläche unweigerlich alle Blicke auf sich. Einen besonders bemerkenswerten Moment lieferte die Yacht, als sie nach einem Startmanöver eine regelgerechte 360-Grad-Drehung absolvieren musste – ein ungewöhnliches Schauspiel für ein Schiff dieser Grösse.
Auch Elena of London, Tuiga, Mariella und zahlreiche weitere Klassiker erinnerten daran, dass die Eleganz historischer Yachten keineswegs im Widerspruch zu sportlichem Ehrgeiz steht. Die vier gaffel- getakelten Rennschönheiten aus der amerikanischen Yachtbautradition der P-Class kämpften um die Rolex Trophy, die 2026 zum zwanzigsten Mal vergeben wurde. Den begehrten Preis sicherte sich Olympian von Philippe Oddo nach einem intensiven Duell mit Chips. Besonders beeindruckend war die Art, wie sich die beiden Rivalen über die Woche hinweg belauerten, mit Scheinwenden provozierten und bis zur letzten Wettfahrt um den Sieg kämpften.
Wenn der Ostwind den Takt vorgibt
Auch das Wetter spielte bei dieser Ausgabe eine Hauptrolle. Über weite Strecken bestimmte östlicher Wind das Geschehen vor Saint-Tropez. Mal als leichte Brise, die höchste Konzentration beim Trimm erforderte, mal kräftiger und mit einer kurzen, anspruchsvollen Welle. Die Wettfahrtleitung verstand es, die Bedingungen geschickt zu nutzen. Unterschiedliche Kurse für die Maxis, die modernen IRC-Yachten und die Klassiker sorgten für abwechslungsreiche Rennen und faire sportliche Herausforderungen. Besonders der letzte Regattatag am 3. Oktober zeigte sich von seiner schönsten Seite. Unter strahlender Sonne und bei frischem Ostwind waren in zahlreichen Klassen die Entscheidungen noch offen. Erst am späten Nachmittag stand endgültig fest, wer sich in die Siegerlisten der 28. Ausgabe eintragen durfte.
Bei den modernen IRC-Yachten ge-wann Spirit of Lorina von Marcello Pica und Jean-Pierre Barjon die BMW Trophy in der IRC-0-Klasse. Auf Platz drei landete mit Nanoq auch die Yacht des dänischen Königs Frederik X., der selbst zu den prominenten Teilnehmern der Veranstaltung gehörte.
Saint-Tropez kann auch an land feiern
Wer die Voiles kennt, weiss, dass der sportliche Ehrgeiz spätestens beim Einlaufen in den Hafen einer anderen Leidenschaft Platz macht: dem gemeinsamen Feiern. Auch 2026 verwandelte sich die Hafenpromenade jeden Abend in einen lebendigen Treffpunkt der internationalen Segelszene. Rund 4’000 Segler, darunter bekannte Namen aus dem America’s Cup, dem Offshore-Rennsport und dem olympischen Segeln, trafen hier auf passionierte Eigner, Crews und Besucher. Die traditionelle Parade der Mannschaften wurde erneut zu einem farbenfrohen Höhepunkt. Fantasievolle Verkleidungen, Musik und ausgelassene Stimmung bewiesen, dass selbst die professionellsten Regattasegler ihren Sport nicht immer ganz ernst nehmen müssen.


Beim Club-55-Cup an der berühmten Plage de Pampelonne stand ebenfalls weniger das Reglement als vielmehr die freundschaftliche Begegnung im Vordergrund. Besonders emotional war die Anwesenheit von Camille de Colmont, die die Mannschaften in Erinnerung an ihren Vater Patrice auf dem Ponton empfing.
Centenary Trophy – Ein Schweizer Club und 100-jährige Schönheiten
inen besonderen Höhepunkt im Programm der Klassiker bildete am Donnerstag, die Gstaad Yacht Club Centenary Trophy, die bereits zum 15. Mal ausgetragen wurde. Der Schweizer Yachtclub organisiert diesen einzigartigen Wettbewerb gemeinsam mit der Société Nautique de Saint-Tropez – exklusiv für Segelyachten, die mindestens hundert Jahre alt sind. Knapp zwanzig dieser ehrwürdigen Schönheiten stellten sich der Herausforderung. Gesegelt wurde nach einem besonderen Verfolgungsformat: Die Yachten starten nach ihrem Rating zeitversetzt, sodass theoretisch alle gleichzeitig die Ziellinie erreichen können. Wer also zuerst vor dem Tour du Portalet einläuft, gewinnt.
Bei ausgesprochen schwachen Winden entwickelte sich die Jubiläumsausgabe zu einem Geduldsspiel. Das beste Gespür für die wenigen verbliebenen Windstriche bewies die 1898 nach Plänen von William Fife gebaute Kismet. Die Yacht von Sir Richard Matthews nutzte die leichten Bedingungen perfekt, setzte sich früh von ihren Konkurrentinnen ab und überquerte um 16.09 Uhr als Erste die Ziellinie. Für Kismet war es nach 2022 bereits der zweite Erfolg bei der Centenary Trophy.
Das Jubiläum wurde auch an Land gebührend gefeiert. Bereits am Vorabend hatte der Gstaad Yacht Club die Crews zur vierten «Swiss Night» auf die Place des Lices eingeladen. Viel Prominenz war beim Apéro mit Raclette und dem traditionellen Kuhmelken sowie Slalomfahren vor Ort. Sichtlich amüsiert verfolgten Pierre Casiraghi und Jimmy Spithill von Tuiga eine gutgelaunte Cole Brower beim Absolvieren der Prüfungen. Die Centenary Trophy beweist eindrücklich, dass selbst Yachten, die mehr als ein Jahrhundert unter dem Kiel haben, noch immer für grossartigen Regattasport gut sind. Und dass ein Yachtclub aus den Berner Alpen an der Côte d’Azur längst zu einer festen Grösse geworden ist.
Nicht nur für Pierre Roinson, Präsident der veranstaltenden Société Nautique de Saint-Tropez, war die 28. Ausgabe in mehrfacher Hinsicht aussergewöhnlich. Neben der Rekordbeteiligung der Maxiyachten und den Auftritten der drei J-Class-Yachten boten auch das 150-jährige Jubiläum der Gitana-Saga und das 20-jährige Bestehen der Rolex Trophy besondere Anlässe zum Feiern. Vor allem aber bleibt eine Vielzahl unvergesslicher Bilder. Drei J-Class-Yachten, die in der Bucht von Pampelonne um jeden Meter kämpfen. Die gewaltige Atlantic unter vollen Segeln. Klassische Rümpfe aus glänzendem Holz neben futuristischen Rennmaschinen. Und ein Hafen, in dem sich am Abend alle wieder zum Feiern treffen. Nächstes Rendez-vous vom 25. September
bis zum 3. Oktober 2027…

T: Stefan Detjen
F: Gilles Martin-Raget / Guerrieri Visual/ Jürg Kaufmann
lesvoilesdesaint-tropez.fr
societe-nautique-saint-tropez.fr
gyccentenarytrophy.com

