Hirsebrei-Fahrt – Hirsebrei, Kanonendonner und Niedrigwasser

Alle zehn Jahre machen sich Zürcher Schiffleute auf den Weg nach Strassburg. Die Hirsebreifahrt 2026 sollte möglichst vollständig auf dem Wasser stattfinden. Doch schon am ersten Tag zwang Niedrigwasser die Organisatoren zu Planänderungen. Später warteten Starkregen und Gewitter. Eine Reise zwischen jahrhundertealter Tradition, Städtefreundschaft und einem erstaunlich lebendigen Stück Zürcher Geschichte.

Der Hirsebrei kommt an

Von Kehl geht es über den Rhein nach Strassburg. Dort wartet die Bevölkerung auf die Zürcher Gäste. Die Ankunft der Boote, historische Kostüme, Musik und die Verteilung des Hirsebreis verwandeln die alte Erzählung erneut in ein gut besuchtes Volksfest.
Was 1456 als Botschaft militärischer Einsatzbereitschaft verstanden werden sollte, hat heute eine andere Bedeutung. Es geht um Freundschaft, um gemeinsame Geschichte und um Beziehungen, die nicht deshalb weiterbestehen, weil sie irgendwann einmal entstanden sind, sondern weil sie gepflegt werden.


Das betont auch Golta. Für den Zürcher Stadtpräsidenten ist die Reise eine Gelegenheit, die Verbindungen nach Strassburg weiterzuführen. In einer Zeit, in der europäische Beziehungen häufig als politische Grosswetterlage diskutiert werden, wirkt die Hirsebreifahrt fast wohltuend konkret: Menschen steigen in Boote, besuchen einander und essen gemeinsam Hirsebrei.

Tradition funktioniert nicht ohne Veränderung

Gerade die Hirsebreifahrt 2026 zeigt allerdings auch, dass Tradition nicht bedeutet, Geschichte unverändert nachzuspielen. Die Boote werden mit Kränen versetzt. Busse überbrücken nicht befahrbare Abschnitte. Schleusen, Kraftwerke und Wehre bestimmen die Route. Niedrig- wasser verändert das Programm. Ein Hirsebrei wird nicht mehr während Tagen im gleichen Topf mitgeführt, sondern frisch zubereitet. Und trotzdem bleibt die Geschichte erkennbar. Vielleicht funktioniert sie sogar gerade deshalb.


Als ich in Brugg meine Mitreise beende, liegt der grösste Teil der Strecke noch vor den Hirsebreifahrern. Hinter ihnen liegen zu diesem Zeitpunkt bereits ein überraschend gut besuchter Lindenhof, eine rasante Ausfahrt auf der Limmat, Kanonenschüsse, winkende Badegäste, ein Bootsverlad, eine Busfahrt, ein spektakuläres Einwassern in Wettingen und gemeinsames Anpacken beim «Swiss Bob». Vor ihnen warten Rhein, Städte, Empfänge, Regen, Gewitter – und Strassburg.


570 Jahre nach der ersten überlieferten Fahrt ist die Botschaft ohnehin eine andere geworden. Nicht mehr die Frage, wie schnell Zürich militärische Hilfe schicken könnte, steht im Vordergrund. Sondern ob eine Verbindung zwischen zwei Städten über Jahrhunderte lebendig bleiben kann. Die Hirsebreifahrt gibt darauf alle zehn Jahre dieselbe, ziemlich ungewöhnliche Antwort: Man steigt ins Boot und rudert hin.

T: Thomas Hulliger
F: Thomas Hulliger / Janne Kern / Jochen Pach / Christophe Droesch / STRASTV

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