Freibeuter, Feudalherren und Felsen

Die Kanalinseln, gelegen im Ärmelkanal in der weiten Bucht zwischen dem Cap de la Hague im Nordosten und der Insel Brehat im Südwesten, sind an sich schon eigenartig – geografisch näher an Frankreich gelegen, dennoch der englischen Krone zugehörig. Selbst in diesem Archipel ist das Eiland Sark noch einmal eine Besonderheit.

Die Kanalinseln, gelegen im Ärmelkanal in der weiten Bucht zwischen dem Cap de la Hague im Nordosten und der Insel Brehat im Südwesten, sind an sich schon eigenartig – geografisch näher an Frankreich gelegen, dennoch der englischen Krone zugehörig. Selbst in diesem Archipel ist das Eiland Sark noch einmal eine Besonderheit.

Das Wasser in der Bucht ist tief, dunkelgrün und still. Draussen vor der Bucht, wo die Gezeiten mächtig rauschen, können je nach Stand der Tide selbst bei Flaute stehende Brecher aufgeworfen werden, die eher an alpines Wildwasser erinnern. Doch vor dem freakigen Seegang draussen sind wir hier geschützt durch die hohen Felsen ringsum. Nur der Wind fällt, in plötzlichen Böen, immer mal wieder von den Hängen und lässt unser Boot an der, auf 15 Meter Wassertiefe, grosszügig ausgesteckten Ankerkette schwojen. Die Sonne ist hinter der Insel verschwunden, in der Dämmerung weht der meckernde Ruf einer Ziege herüber. Die Stimmung ist intensiv, mit deutlich karibisch-exotischem Flair. Welcome to Derrible Bay, die so gar nicht «terrible» ist, auf Sark.

Diese kleine Kanalinsel ist ein landschaftliches Juwel. Bis 2008 war es auch die letzte europäische Bastion eines Feudalismus, der bis in das Jahr 1565 zurückreichte. 443 Jahre lang wurde Sark als Feudalstaat regiert, bis 2008 hatte sich die Verfassung seit den Zeiten der Königin Elisabeth I so gut wie nicht verändert. Sie hatte einst den Adligen Hellier de Carteret als Lehensträger der Insel eingesetzt. Der Seigneur stand an der Spitze der Insel, war Oberhaupt der Regierung, besass ein suspensives Veto und ernannte die meisten Inselbeamten. Und das auf «ewige Zeit», weshalb es auch heute noch einen Seigneur gibt, der allerdings seit einigen Jahren eher dekorative Zwecke erfüllt. Dennoch hält er weiterhin die Insel als Belehnung der englischen Krone, weshalb er auch dem derzeitigen Monarchen Charles die alten Lehnspflichten schuldet.

Die abenteuerlustigen Inselbewohner waren während der Kriege des 17. Jahrhunderts im Freibeutergeschäft besonders erfolgreich, und Sark erlangte beträchtlichen Reichtum. Dieser wurde 1834 durch die Entdeckung von Silber noch weiter gesteigert. Die Einwohnerzahl stieg daraufhin sprunghaft an, bis die Mine überflutet wurde. Das brachte auch den Seigneur in eine finanzielle Notlage, so dass er sein Lehen an eine gewisse Mrs. Collins verkaufte, deren Nachkommen die Insel bis heute regieren. Die «Seigneurie» mit ihren prächtigen Gärten, einem viktorianischen Gewächshaus und einem Irrgarten gehört zu den schönsten Gärten der Kanalinseln.

Das alte Parlament bestand aus 40 nicht gewählten Landbesitzern der ursprünglichen 40 Landparzellen, die 1565 vergeben worden waren, dem Seigneur und dem obersten Richter. Nachdem die Milliardär- Brüder Barclay die Nachbarinsel Brecqhou gekauft hatten und vor Gericht Menschenrechtsverletzungen und fehlende Demokratie rügten, stimmte das Inselparlament 2006 mit 25 zu 15 Stimmen für eine Reform und im Dezember 2008 fanden die ersten demokratischen Wahlen statt. 57 Bewerber (12 Prozent der 474 Wahlberechtigten) bewarben sich um 28 Sitze. Viele Privilegien und Rechte des Seigneurs fielen seither weg, darunter auch das exklusive Recht, Tauben zu halten oder einen unkastrierten Hund zu besitzen. Das Parlament ist heute eine nicht-parteiliche, demokratisch gewählte Versammlung mit 20 Mitgliedern. Der Seigneur behält eine repräsentative, symbolische Rolle und sitzt weiter im Parlament, darf aber nicht mehr mit abstimmen. Die eigentliche Regierungsmacht liegt bei den gewählten Conseillers und ihren Ausschüssen.

Dennoch, mit ihren 500 Einwohnern ist die Insel eine kleine Welt für sich. Sie verfügt über kein Leitungswasser, daher sind die Häuser auf Brunnen, Bohrlöcher oder Dachwasserauffangsysteme angewiesen. Autos sind verboten. Fortbewegt wird sich zu Fuss, mit dem Fahrrad, per Pferdekutsche oder mit von Traktoren gezogenen Anhängern – dem sogenannten «Toast Rack», der Besucher vom Fähranleger zu ihren Unterkünften bringt. Sogar Feuerwehrauto und Krankenwagen werden von Traktoren gezogen. Das gibt der Insel einen unwirklichen, entschleunigten Charakter. Was Sark zu bieten hat, sind eine wunderschöne Landschaft, herrliche Ausblicke und das Gefühl, irgendwie aus der Zeit herausgetreten und in eine Art irdisches Paradies gelangt zu sein.

Dieses erreicht man am besten mit dem eigenen Boot oder einer der Fähren von Guernsey oder Jersey aus. Ankern, nicht immer vor Schwell geschützt und rollfrei, muss man hier immer, denn es gibt auf Sark keinerlei Einrichtungen für Yachten. Doch wer die Mühe auf sich nimmt, wird belohnt. Die Vögel an Land singen, die Spaziergänge sind wunderbar und wer lange genug wandert und sucht, wird in der Inselmitte einen Pub finden, vor dem man in der Sonne sitzen und bei einem Getränk und frischen Muscheln darüber philosophieren kann, was zum Teufel mit dem Rest der Welt so schief gelaufen ist…

Und das Nachtleben? Sark wurde 2011 zur ersten «Dark-Sky-Insel» der Welt erklärt. Keine Strassenlaternen, keine Lichtverschmutzung: Milchstrasse, Planeten und Sternbilder leuchten in atemberaubender Klarheit. Die Sternwarte kann abends be-sucht werden.

Sark ist ein ruhiges, autofreies Naturparadies mit dramatischen Klippen, geheimnisvollen Buchten, dunkelster Nacht und einer lebendigen, jahrhundertealten Gemeinschaft. Die Idylle kann allerdings jäh unterbrochen werden, wenn der Wind dreht und sich die eigene Yacht einer Leeküste ausgesetzt sieht. Dort, wie Hamlet vielleicht bemerkt hätte, liegt der Haken.

Ankern rund um Sark
An der Westseite liegen die Buchten Havre Gosselin und La Grand Greve. Beide sind bei östlichen Winden gut geschützt. Wie überall hier, muss man beim Ankern natürlich auf die Wassertiefe achten und den aktuellen Tidenhub ins Kalkül ziehen, damit man auch bei Niedrigwasser noch (genug) Wasser unter dem Kiel hat. La Greve de la Ville ist eine relativ offene Bucht an der Nordostseite der Insel, wo fast immer etwas Schwell hineinläuft. Besser geschützt sind die eingangs erwähnte Derrible Bay und die benachbarte Dixcart Bay, bei Wind aus West bis Nord. Da es auf Sark keinen Ort im üblichen Sinne gibt, bleibt es für den Landgang relativ gleichgültig, von wo aus man sich das Eiland erwandert.

Genaue Seekarten und aktuelle Ausgaben des Reed’s oder Cruising Almanach sind für eine sichere Ansteuerung allerdings unbedingt zu empfehlen.

T: Detlef Jens
F: Detlef Jens / Shutterstock

«Ich war Europas letzter Feudalherr»

Vom Flugzeugbau ins Mittelalter – und das ganz ohne Zeitmaschine. John Michael Beaumont machte eine Karriere, die ungewöhnlicher kaum sein könnte.

1927 in Ägypten geboren, arbeitete Beaumont zunächst als Ingenieur in der Luftfahrtindustrie. Doch 1974 nahm sein Leben eine ungewöhnliche Wendung: Er erbte von seiner Grossmutter Sibyl Hathaway nicht nur einen Adelstitel des Seigneur von Sark sondern auch die ganze Inselherrschaft. Er wurde dadurch zum 22. Lehnsherrn einer Insel, auf der die Zeit seit Jahrhunderten stillzustehen schien. Autos waren verboten, und der Seigneur genoss Privilegien, die noch aus dem Mittelalter stammten. Dazu gehörten Rechte, die andernorts längst vergessen waren. So durfte nur der Seigneur Tauben halten, und beim Verkauf von Grundstücken stand ihm traditionell ein Anteil des Kaufpreises zu. Dabei war er alles andere als ein machtbewusster Herrscher. Zeitgenossen beschrieben ihn als bescheidenen, zurückhaltenden Mann, dem das Wohl seiner Insel wichtiger war als seine Privilegien. 2001 wurde er für seine Verdienste um Sark zum Officer of the Order of the British Empire ernannt. Erst 2008 wurde die feudale Herrschaft durch eine demokratische Verfassung abgelöst. Beaumont verlor seine politische Macht, behielt aber seinen Titel. Als er 2016 im Alter von 88 Jahren starb, ging ein aussergewöhnliches Kapitel europäischer Geschichte zu Ende. Sein Sohn Christopher übernahm den Titel – allerdings ohne die einstigen Privilegien.

Share the Post:

Könnte Ihnen auch gefallen