Wer sie nicht kennt, sollte sie einmal im Leben besuchen. Und wer schon einmal an den Voiles in Saint-Tropez war, wird immer wieder zurückkommen, um sich vom Spektakel der alten und modernsten Yachten begeistern zu lassen.
Wenn die GFK-Yachten den Platz am Quai d’Honneur räumen müssen, wenn die Masten der Maxis die Häuser des ehemaligen Fischerdorfes überragen, wenn die Parkplätze auf dem Parking du Port Mangelware werden – dann weiss man, les Voiles sind wieder in der Stadt.

Seit 1999 begeistert die Regattawoche Segler und Zuschauer gleichermassen. Wo kann man schon an einem Ort mehr als 100 Jahre Bootsbaukunst miteinander vergleichen? Natürlich hat die Armada der 300 Yachten nicht Platz am Stadtquai oder in der Marina. Die ganz Grossen ankern sowieso in der Bucht und der Quai d’Honneur ist den Wallys sowie ihren Ahnen mit ihren Holzmasten vorbehalten.
DO YOU DO YOU DO YOU SAINT-TROPEZ?
300 angemeldete Boote und damit mindestens rund 3’000 Segler in Town. Plus Shoreteams, Angehörige und begeisterte Zuschauer – Saint-Tropez gibt Anfang Oktober nochmals richtig Gas vor der
Winterpause. Neben modernen und Vintageyachten sind es auch die 81 Klassikyachten, mit denen der ganz spezielle Segel-Cocktail den richtigen Pep erhält.
Mit 41 Maxi-Yachten ist die Voiles eines der weltweit grössten Treffen für diese Giganten des Regattasports. In vier Klassen aufgeteilt, kämpfen sie insbesondere um die prestigeträchtige Rothschild-Trophäe. Zu gewinnen gab es so einiges, den die Sponsoren wie BMW, Edmond de Rothschild, Suzuki Marine und Brig liessen sich nicht lumpen und verliehen ebenfalls Preise und Trophäen. Und dank Hauptsponsor Rolex läuft das grossartige Spektakel auch im passenden Rahmen ab. Es ist dieser unnachahmliche Mix aus prickelnder Ambiance, stolzen Yachten und dem sprichwörtlichen Charme von «Sant-Troupès», der diesem Event seine Einzigartigkeit verleiht.

«Ich habe nur Liebhaber des Meeres und des Segelsports getroffen.»
Pierre Roinson – Präsident der Société Nautique de Saint-Tropez


RAUM, RAUM, RAUM!
Bei so vielen Teilnehmern wurde es manchmal eng an der Startlinie, ein paar Mal auch viel zu eng. Es kam zu kleinen Kollisionen zwischen den Maxis und bei den Klassikern zwischen Gross und Klein, verletzt wurde zum Glück niemand. Die Wally Galateia war ein solches Kollisionsopfer. Doch die Maxi nutzte nach zwei Läufen den traditionell freien Tag am Mittwoch und liess in La Ciotat den Schaden beheben. Auch Kollisionsgegner Cento von David M. Leuschen war am Donnerstag wieder im Wettbewerb dabei.
Auf der revolutionär neuen Magic Carpet E von Lindsay Owen Jones studierte man in der Rennpause die gesammelten Daten der E-Yacht, die nicht nur in Sachen Energie, sondern auch in ihrem Gesamtkonzept innovativ ist. Boat Captain Danny gab zu Protokoll, dass auch nach 120 Segelstunden die Lernkurve immer noch nach oben geht…
Weitere Hingucker auf der Regattabahn waren die Wallyrocket 71 Django 7X, die Wally V, My Song von Loro Piana und Jethou von Sir Peter Ogden. Die ehemaligen Magic Carpet Cubed feierte ein Comeback als Tilakkhana II. Zu ihrer Crew gehörten bekannte Seglerinnen wie Dee Caffari, Marie Riou und Sophie de Turckheim.


YACHT- UND VIP-SPOTTING
Auch wer nicht mitsegelt, kommt hier voll auf seine Kosten. Am besten früh am Morgen einen Rundgang durch den Hafen und die Marina machen. Man staunt, was man hier für klingende Namen des
Yachtsports entdeckt. Von Klassikern wie Manitou (auf ihr segelte JF Kennedy) und Santana (Humphrey Bogarts Yacht) und Vintage-Zwölfern wie Moro di Venezia, Kiwi Magic und South Australia bis hin zu den schnellen Racern wie die TP52. König Frederik X. von Dänemark hatte Nanoq gechartert – seine eigene Wallyrocket 51 wurde diesen Sommer beschädigt.
Sehenswert auch Kilara II, eine unter Schweizer Flagge segelnde Wally 51 der neuen Generation, die eine zukünftige Einheitsklasse bilden soll.
Wer die Augen in den vollen Bars (und Restaurants) offen hielt, konnte neben Segel-Vips wie Brad Butterworth, Francesco de Angelis und Torben Grael auch prominente Eigner wie Tara Getty, Peter Harrison (CEO Richard Mille) oder Pier Luigi Loro Piana entdecken. Vergeblich habe ich versucht, Simon le Bon zu Gesicht zu bekommen. Der Sänger von Duran Duran und Whitbread-Segler auf Drum war. Crew auf Blitzen, einer Sparkman & Stephens Yacht von 1938.


ROSÉ, RACLETTE UND REGATTA
Die seit 2011 vom Comité de Course des Voiles de Saint-Tropez organisierte Centenary Trophy YC Gstaad ist die einzige Regatta, die ausschliesslich Booten vorbehalten ist, die älter als hundert Jahre sind. Das Rennen, das am Donnerstag während des Challenge-Tages stattfindet, basiert auf einem speziellen Format. Beim «Pursuit Race» starten die teilnehmenden Boote gestaffelt nach ihrem Handicap und Geschwindigkeitspotential. So kennt jede Yacht ihren aktuellen Rang während des Rennens und das erste Boot, das die Ziellinie überquert, ist der Sieger. Bei wenig Wind gingen 18 Hundertjährigen (und älter) am nächsten Morgen an den Start zum neun Meilen langen Parcours. In einem spannenden Finish setzte sich Neuzugänger Eleonore (1925) mit Skipper Mauro Pelaschier gegen die P-Class und dreimalige Gewinnerin Olympian durch. Bruno Troublé an der Pinne der P-Class von 1914 war ein sportlicher Verlierer. Er kannte seinen Kontrahenten Pelaschier bereits bestens aus AC Zeiten und von Klassikerregatten.
Bereits legendär ist der Crew-Abend auf der Place des Lices, wo sich die Mannschaften am Vorabend der Regatta bei der GYC Swiss Night bei Kuhmelken und Skirennen messen können, bevor es ans Buffet zu Raclette und Roséwein geht.


STÜRMISCHER ABSCHLUSS
Hartes Erwachen am Sonntagmorgen. Wenn der Mistral über die Bucht fegt, ist es gut, die Befestigungsleinen zu prüfen und bestenfalls zu verdoppeln. Denn auch im Hafen von Saint-Tropez war die Wirkung zu spüren. Magic Carpet als äusserste Maxiyacht bekam den Wind mit voller Breitseite ab und lag eindrücklich schief auf ihrer Nachbaryacht, die Salingspaare nur noch wenig auseinander. Das Semaphor von Cap Dramont registrierte Windspitzen von 55 Knoten und die Société Nautique de Saint-Tropez organisierte die Preisverleihung spontan im Schutz der Place des Lices. Eine Gelegenheit, ein letztes Mal einige der besten Segler der Welt zu treffen, darunter Gewinner des America’s Cup, der Route du Rhum, Sieger von Einhand- oder Crew-Weltumsegelungen, Olympiamedaillengewinner, Weltmeister, Match-Racing-Grössen oder auch die jüngsten Gewinner der Solitaire du Figaro.
Alles verpasst? Dann gibt es eine neue Chance: die nächsten Voiles de Saint- Tropez finden am 27. September bis zum 4. Oktober 2026 statt.
T: Stefan Detjen
F: GILLES MARTIN-RAGET/JÜRG KAUFMANN/CARLO BORLENGHI

