Es gibt Boote, die wollen ständig beschäftigt werden. Und solche, die einfach Freude machen. Die neue Esse 890 gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Dabei ist der jüngste Wurf von Esseboats alles andere als ein gemütlicher Sonntagssegler. Wave hat auf dem Zürichsee ausprobiert, wie viel sportliches Segeln in einem entspannten Segeltag stecken kann.



Es gibt Boote, die man segelt. Und es gibt Boote, mit denen man sich unterhalten kann. Keine Sorge, wir haben auf dem Zürichsee keine Stimmen gehört. Aber die neue Esse 890 gehört tatsächlich zu jenen seltenen Yachten, die ihrem Steuermann ziemlich genau mitteilen, was sie gerne hätten. Etwas mehr Höhe vielleicht, ein bisschen weniger Ruderdruck, einen Hauch mehr Geschwindigkeit. Man muss nur zuhören können.
An diesem sonnigen Herbsttag wäre das eigentlich gar nicht nötig. Der Zürichsee glitzert, die Luft ist kühl und klar, die frisch weiss gepuderten Berge zeichnen sich scharf am Horizont ab. Nur der Wind hat offenbar einen freien Tag genommen. Ein schwacher Südosthauch versucht sich stellenweise zu behaupten, bevor er einem ebenso zaghaften Westwind das Feld überlässt. Dazwischen gibt es reichlich Gelegenheit, die neue Yacht zu bewundern. Und schön ist sie wirklich.

Keine gestreckte grössere Schwester
Wer die neue Esse 890 für eine etwas verlängerte Ausgabe der erfolgreichen Esse 850 hält, liegt ziemlich daneben. Zwar ist die Familienähnlichkeit unverkennbar, doch unter den eleganten Linien steckt eine vollständig neue Konstruktion. Der italienische Yachtarchitekt Umberto Felci hat der jüngsten Esse einen Rumpf mit ausgeprägten Überhängen spendiert. Das schafft mehr Volumen unter Deck, ohne die sportliche Silhouette zu ruinieren. Entscheidend ist, was unter der Wasserlinie passiert: Hier verjüngt sich der Rumpf deutlich und präsentiert sich mit jener schlanken Form, die schon die bisherigen Esse-Modelle so schnell gemacht hat.
Den Anstoss für ein neues Modell gaben übrigens Esse-Kunden selbst. Sie wünschten sich mehr Platz und Komfort, wollten aber keinesfalls auf die sprichwörtlichen Segeleigenschaften einer Esse verzichten. Ein klassischer Fall von «Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass». Bei Schuchter Sportboats nahm man die Herausforderung an. Die Brüder Florian und Stefan Schuchter stehen nicht erst seit ihrer Firmenübernahme 2021 in engem Kontakt mit den Kunden und wissen deshalb ziemlich genau, wo der Segelschuh drückt. Gemeinsam mit Felci wurde gezeichnet, diskutiert, gerechnet und wieder verworfen. Mehr als zwanzig Meetings waren nötig, bis alle Vorstellungen unter einen Hut gebracht waren.
Von der ersten Idee bis zur Einwasserung vergingen trotzdem gerade einmal zwölf Monate. Das ist bemerkenswert wenig für eine komplett neue Yacht. Allerdings konnte die Werft auf einen reichen Erfahrungsschatz aus den bisherigen Esse-Modellen zurückgreifen. Das Resultat ist eine Esse, die zeigen soll, dass mehr Komfort nicht zwangsläufig weniger Segelspass bedeutet.
| esse 890 | |
| Konzept | Esseboats |
| Design | Felci Yacht Design |
| Bau | Schuchter Sportboot AG |
| Länge über alles | 8.90 m |
| Wasserlinie | 8.30 m |
| Breite | 2.48 m |
| Tiefgang, Hubkiel Standard | 1.70 – 2.10 m |
| Verdrängung | ca. 1’600 kg |
| Ballast | 780 kg |
| Segelfläche am Wind | 50 m² |
| Gennaker | 85 m² |
| Rigg | Karbon |
| Rumpf | Karbon |
| Antrieb | Elektromotor beim Testboot |
| esseboats.ch |


Keep it simple. And fast.
Mit dem Elektromotor verlassen wir den Hafen. Der Antrieb lässt sich anschliessend vollständig einziehen und verschwindet aus dem Wasser. Kein Propeller, kein unnötiger Widerstand. Eine elegante Lösung, die perfekt zur Philosophie der Werft passt: Boote, die ausgewogen, kontrollierbar und schnell zu segeln sind. Grosssegel hoch, Genua ausrollen, Schoten dicht. Das war’s im Wesentlichen auch schon.
Mast, Baum und Salinge bestehen aus Karbon, ebenso setzen die Segel von North Sails auf hochwertige Karbonfasern. Bei ihrer Entwicklung floss das Know-how des Profiseglers Arnaud Psarofaghis. Hier wurde offensichtlich nicht gespart, wenn es um Steifigkeit und Vortrieb ging.
Trotzdem gibt sich die Esse 890 erstaunlich unkompliziert. Kaum streicht der erste Windhauch über den See, beginnt sie zu laufen. Kein mühsames Anschieben, kein nervöses Herumzupfen an den Schoten. Einfach Fahrt aufnehmen und geniessen. Am Ruder spüre ich einen leichten, angenehmen Druck. Gerade genug, um mitzubekommen, was das Boot macht. Frischt der Wind etwas auf, legt sich die Esse auf die Seite, findet ihre Lage und bleibt dort. Ganz gelassen. Dabei verlängert sich die effektive Wasserlinie, was wiederum der Geschwindigkeit zugutekommt. So macht Segeln Spass.
Als der Westwind endlich etwas konstanter bläst, kommt Leben in die Sache. Nach einer Wende beschleunigt die Esse sauber, und plötzlich blitzt eine Sieben auf dem Display auf. Sieben Knoten Bootsgeschwindigkeit bei gerade einmal acht Knoten wahrem Wind. Da darf man durchaus zweimal hinschauen. Zwar sind die Instrumente noch nicht endgültig kalibriert, aber die GPS-Uhr von Florian zeigt sogar etwas mehr an. Wir wollen deshalb nicht um Zehntelknoten feilschen. Dass dieses Boot schnell ist, spürt man auch ohne Zahlen. Unter Gennaker wird es noch lustiger. 8.4 Knoten holen wir schliesslich aus dem schlanken Rumpf heraus. Bei diesen Windverhältnissen ist das mehr als anständig.


Zwei Regattasegler und ein Geniesser.
Florian und Stefan Schuchter sind Regattasegler mit Leib und Seele. Kaum ist die Esse in Fahrt, wird hier eine Schot gefiert, dort der Trimm korrigiert und zwischendurch kritisch aufs Speedometer geschaut. Jeder Zehntelknoten zählt. Ich sehe das etwas entspannter. Schliesslich scheint die Sonne, der See glitzert und ich sitze am Steuer einer wunderschönen Segelyacht. Muss man da wirklich ständig auf die Windfäden starren? Offenbar nicht. Denn die Esse 890 läuft auch dann verdammt gut, wenn man sie einfach segeln lässt. Sie zeigt mit sanftem Ruderdruck, was sie gerne hätte, und bedankt sich für die richtige Reaktion mit etwas mehr Geschwindigkeit. Ein Boot, das mit seinem Steuermann spricht. Man muss nur zuhören.
Natürlich lässt sich mit konzentriertem Trimm noch einiges herausholen. Aber das Schöne an dieser Yacht ist, dass sie nicht ständig nach Höchstleistung verlangt. Man kann sie sportlich segeln, man kann sie aber auch einfach laufen lassen. Und hat in beiden Fällen seinen Spass. Dabei hilft die Selbstwendefock und macht die Wende zum Kinderspiel, auch alleine lässt sich die Esse problemlos beherrschen. Sämtliche wichtigen Bedienelemente sind von der Steuerposition aus gut erreichbar. Die Grossschot läuft über Klemmen auf dem Cockpitboden, die Gennakerwinsch sitzt in Reichweite auf dem Kajütdach.
Nur eines fehlt mir: Bei Krängung wäre ein sicherer Halt für die Füsse durchaus willkommen. Stefan Schuchter grinst. Die entsprechenden Fussleisten würden bereits in der Werft auf ihre Montage warten. Für die ersten Fotos habe man sie bewusst weggelassen. Ein hindernisfreies Cockpit sehe einfach cooler aus. Stimmt schon. Aber manchmal geht Funktion eben doch vor Form.
Barfuss statt Segelstiefel
Überhaupt ist das Cockpit eine kleine Meisterleistung des Weglassens. Das Flush-Deck-Konzept wurde konsequent umgesetzt, nur die Insel für die Grossschot unterbricht die klare Fläche. Keine unnötigen Aufbauten, keine störenden Beschläge. Alles wirkt aufgeräumt und selbstverständlich. Das gefällt nicht nur dem Auge. Wer gerne wie ich barfuss segelt, weiss ein solches Deck zu schätzen. Keine Beschläge, an denen man sich die Zehen stösst. Zumindest fast keine.
Selbst beim Festmachen hat man bei dieser Version auf klassische Lösungen verzichtet. Klampen? Fehlanzeige. Die Leinen werden an der Wantenbasis belegt, die Heckleinen durch textile Augen geführt. Klampen können selbstverständlich als Option eingebaut werden. Aber auch da wird auf Ästhetik geachtet, denn die Klampen lassen sie einfahren und sind dadurch kaum sichtbar.
Wie alle Esse-Modelle verfügt auch die 890 über einen einziehbaren Kiel. Angesichts der teilweise niedrigen Wasserstände auf unseren Seen ist das eine durchaus sinnvolle Einrichtung. Wer sich die Bedienung erleichtern möchte, kann den Hubkiel optional auch hydraulisch verstellen. Praktische Lösungen müssen eben nicht immer kompliziert sein.
Eine Chaiselongue? Tatsächlich!
Unter Deck wartet die eigentliche Überraschung. Wer die bisherigen Esse-Modelle kennt, rechnet mit einer eher spartanischen Einrichtung. Schliesslich sollen schnelle Segelboote segeln und nicht als schwimmende Ferienwohnung dienen. Doch die Esse 890 zeigt, dass sich die beiden Ansprüche durchaus miteinander versöhnen lassen. Dank des für eine Esse breiteren Rumpfes ist das Raumangebot spürbar gewachsen. Und anstatt die zusätzliche Fläche mit einer konventionellen Sitzzone vollzustellen, haben sich die Schuchter-Brüder für ein asymmetrisches Raumkonzept entschieden. Mit einer Chaiselongue.
Jawohl, einer Chaiselongue. Auf einer sportlichen Segelyacht. Das hat etwas wunderbar Unbekümmertes. Ok, sie kaschiert ganz clever den Schwertkasten. Man kann sich förmlich vorstellen, wie man nach einem schnellen Segeltag mit einem guten Buch und einem Glas Wein darauf entspannt. Vielleicht auch einfach nur die Beine hochlegt und darüber nachdenkt, weshalb man eigentlich so schnell segeln musste.
Im Vorschiff finden zwei Personen bequem Platz zum Schlafen, unter den Matratzen ist zusätzlicher Stauraum. Mehr davon gibt es im Achterdeck über die ganze Schiffsbreite. Und um den Kasten für den Elektromotor ist ebenfalls Platz für dies und das.
Ganz fertig ist unser Testboot allerdings noch nicht. Die vorgesehenen Stautaschen am schwarzen Trägergestell sind für Anpassungen noch beim Sattler, ebenso fehlen noch einige Abdeckungen. Vieles von der Konstruktion und der Technik soll aber bewusst sichtbar bleiben. Schliesslich darf man einer sportlichen Yacht ihre Sportlichkeit ruhig ansehen. Auch die Batterieinstallation ist geschickt verteilt. Die Servicebatterie befindet sich unter der Treppenstufe beim Niedergang, das rund 50 Kilogramm schwere Energypack wurde weiter vorne platziert. Man merkt: Hier wurde nicht einfach eine schnelle Yacht nachträglich mit etwas Komfort versehen. Die zusätzlichen Möglichkeiten waren von Anfang an Teil des Konzepts.
Und wenn der Wind richtig bläst?
Eine Frage bleibt nach unserem Segeltag natürlich offen: Wie benimmt sich die Esse 890, wenn es wirklich zur Sache geht? Acht Knoten Wind sind schliesslich kein Härtetest. Wie sie bei kräftigen Böen reagiert, wie viel Druck sie verträgt und wie weit sich ihre sportlichen Qualitäten unter Regattabedingungen ausreizen lassen, konnten wir an diesem Tag nicht herausfinden. Dafür gibt es ja andere Belege für die Rauwasser-Qualitäten dieser Yachten. Kürzlich hat eine Esse 850 die Silverruder rund um Dänemark gewonnen. Singlehand. Bei richtigem Shietwetter, wie die Norddeutschen sagen. Und das will was heissen.
Aber ganz ehrlich: Für einen ersten Eindruck waren die Züri-West-Bedingungen gar nicht so schlecht. Denn gerade bei wenig Wind zeigt sich, ob ein Boot wirklich leichtfüssig ist oder ob es erst einmal ordentlich angeschoben werden muss. Die Esse 890 gehört eindeutig zur ersten Kategorie. Sie beschleunigt schon beim kleinsten Windhauch, reagiert präzise und vermittelt jederzeit ein angenehmes Gefühl von Kontrolle. Und sie beweist, dass sportliches Segeln nicht zwangsläufig in Arbeit ausarten muss.
Die Schuchters haben zusammen mit Umberto Felci eine Yacht geschaffen, die ihren sportlichen Wurzeln treu bleibt und gleichzeitig neue Möglichkeiten eröffnet. Mehr Platz, mehr Komfort, mehr Vielseitigkeit. Ohne dass der eigentliche Grund, weshalb man eine Esse segelt, auf der Strecke bleibt. Nämlich der Spass am Segeln. Oder am nächsten Wochenende eine Regatta gewinnen. Was der Spass kostet? Segelfertig in der Grundausstattung ist man mit CHF 160’000 dabei. Das Testboot mit zusätzlichem Innenausbau bringt es auf rund CHF 200’000.
Als wir wieder in Richtung Hafen laufen, wandert mein Blick noch einmal über die langen, eleganten Linien, das aufgeräumte Deck und den schlanken Rumpf. Die Esse 890 ist zweifellos eine Augenweide. Und sie bestätigt einmal mehr eine alte Seglerweisheit: Schöne Schiffe sind meistens
T: Stefan Detjen
F: Croystudio.com
esseboats
Schuchter Sportboot AG
Seestrasse 5
8712 Stäfa
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Tel.: +41 44 926 60 61
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