Mit der Sun Odyssey 415 setzte Jeanneau im Zwölf-Meter-Segment eine neue Marke. Jetzt folgt die grössere Schwester: Die Sun Odyssey 455 übernimmt viele bewährte Ideen, bietet aber deutlich mehr Raum und Souveränität. Wave setzte vor Port Ginesta bei Barcelona die Segel – bei wenig Wind und Welle und trotzdem viel Fahrt.



Viel Raum, Viel meer
Manche Yachten muss man nicht völlig neu kennenlernen. Man steigt an Bord, übernimmt das Rad – und setzt einfach ein Gespräch fort, das man mit der kleineren Schwester begonnen hat. So ergeht es uns auf der neuen Sun Odyssey 455. Walkaround-Deck, Doppelruder, zwei Steuerstände und eine aufgeräumte Linienführung: Vieles kommt einem von der Sun Odyssey 415 bekannt vor. Nur eben eine Nummer grösser. Oder besser gesagt: eine Nummer souveräner.
Denn die 455 ist nicht einfach eine verlängerte 415. Ihr 14.28 Meter langer und 4.49 Meter breiter Rumpf wurde von Marc Lombard Yacht Design neu entwickelt, das Interieur stammt von Jean-Marc Piaton. Das Ergebnis ist eine Yacht mit viel Volumen, die dennoch nicht wie ein schwimmendes Ferienhaus wirkt. Der negative Steven verlängert die Wasserlinie, das breite Heck schafft Platz und die beiden Ruderblätter sorgen auch bei Krängung für Kontrolle. Soweit die Theorie. Vor Port Ginesta darf die Neue zeigen, wie sie sich in der Praxis anfühlt.

Leichte Brise, leichtes Spiel
Das Mittelmeer präsentiert sich ausgesprochen friedlich. Wenig Welle, wenig Wind – keine Bedingungen für einen Härtetest. Dafür eine gute Gelegenheit, um herauszufinden, ob eine Fahrtenyacht mit über elf Tonnen Verdrängung auch bei leichter Brise zum Leben erwacht. Und das tut sie. Wir segeln mit Gross und einer hoch geschnittenen 105-Prozent-Genua. Es geht voran, aber jetzt rollen wir den Gennaker auf dem Bugspriet aus. Und siehe da: bei 8.4 Knoten wahrem Wind beschleunigt das Testschiff bei annähernd halbem Wind auf 6.8 Knoten.
Auch am Steuer macht die 455 Freude. Die Anlage läuft leichtgängig, die Yacht reagiert unmittelbar und lässt sich mit wenig Kraft präzise dirigieren. Von der erwarteten Behäbigkeit eines grossen Cruisers ist wenig zu spüren. Natürlich fehlen Wind und Welle, um das Boot wirklich zu fordern. Doch schlechte Leichtwindeigenschaften lassen sich auch bei mediterraner Friedfertigkeit kaum verstecken. Diese Yacht will segeln. Und sie macht es ihrem Rudergänger leicht.
| SUN ODYSSEY 455 | |
| Länge über alles | 14.28 m |
| Rumpflänge | 13.74 m |
| Breite | 4.49 m |
| Tiefgang Standardkiel | 2.40 m |
| Verdrängung | ca. 11’230 kg |
| Ballast | ca. 2’691 kg |
| Segelfläche Standard | 103 m2 |
| Grosssegel | 54 m2 |
| Genua | 49 m2 |
| Treibstofftank | 200 l |
| Wassertank | 380 l |
| Motorisierung | Yanmar 57 PS optional 80 PS |
| Konstruktion | Marc Lombard Yacht Design Group |
| Interieurdesign | Jean-Marc Piaton |
| CE-Kategorie | A |
Wege ohne Hindernisse
An Deck setzt Jeanneau auf das bewährte Walkaround-Konzept. Von den beiden Steuerständen gelangt man ohne störende Stufen nach vorne. Was an der 415 bereits überzeugte, gewinnt auf der 455 nochmals an Qualität: Mehr Länge und Breite schaffen Bewegungsfreiheit und ein Cockpit, das locker eine grössere Runde verkraftet.
Die beiden Steuerstände sind ergonomisch angeordnet, die Sicht nach vorne stimmt und die wichtigsten Bedienelemente liegen in Reichweite. Fast alles wirkt durchdacht – bis auf ein kleines Detail mit komischem Potenzial: Stellt der Rudergänger eine Flasche in den Getränkehalter an der Steuersäule, kann die vorbeilaufende Gennakerschot daran schrammen und die Flasche blockieren. Das Getränk sitzt dann sicherer als geplant. Kein Drama, aber eine jener Kleinigkeiten, die erst beim Segeln auffallen.


Die Ruhe unter Deck
Der eigentliche Grössensprung zeigt sich unter Deck. Der helle Salon, die grossen Fensterflächen und das moderne Design vermitteln ein Raumgefühl, das über die nominellen 45 Fuss hinausgeht. Trotzdem bleibt das Interieur funktional und auf längere Aufenthalte ausgerichtet.
Besonders positiv fällt die Ruhe unter den Füssen auf. Die Bodenplatten sind verschraubt. Da arbeitet, giert und quietscht nichts. Das klingt nach einer Nebensächlichkeit, ist an Bord aber ein echtes Qualitätsmerkmal. Spätestens in der dritten Nacht auf See kann ein knirschender Boden mehr Aufmerksamkeit erhalten als das schönste Holzfurnier.
Eine charmante Lösung findet sich an der Navigationsecke. Der spezielle Sitz für den Watch Captain hat eine ausklappbare Kopfstütze. Aus dem Arbeitsplatz wird mit einem Handgriff ein bequemer Kontrollposten – oder ein Rückzugsort für Crewmitglieder, die offiziell Wache halten und inoffiziell kurz die Augen schliessen möchten.
Jeanneau bietet verschiedene Innenraumvarianten an. Ein zusätzlicher Bereich lässt sich je nach Bedarf als Stauraum, Werkstatt, Büro oder weitere Nasszelle nutzen. Wer längere Zeit an Bord lebt, benötigt schliesslich nicht zwingend noch eine Koje, sondern vielleicht lieber einen vernünftigen Platz für Werkzeug, Ersatzteile oder den Laptop. Auch die Eignerkabine im Vorschiff zeigt, wohin die Reise geht. Ein freistehendes Bett, viel Bewegungsraum und eine eigene Nasszelle mit separater Dusche rücken die 455 in die Nähe deutlich grösserer Fahrtenyachten.
Die Sun Odyssey 455 trägt viele gute Gene ihrer kleineren Schwester in sich. Sie lässt sich leicht bedienen, reagiert direkt und nutzt ihre moderne Rumpfform nicht nur zur Gewinnung von Wohnraum. Selbst bei wenig Wind beweist sie, dass Komfort und Segelleistung keine natürlichen Gegner sein müssen.
Der friedliche Tag vor Barcelona ersetzt keinen Starkwindtest. Doch die 455 muss ihre Qualitäten nicht mit grosser Geste beweisen. Sie kommt früh in Fahrt, bleibt angenehm am Ruder und bietet jene Gelassenheit, die man von einer modernen Fahrtenyacht dieser Grösse erwartet.
Jeanneau hat die erfolgreiche Idee der 415 nicht einfach vergrössert, sondern weitergedacht: mit mehr Platz, mehr Möglichkeiten und einer gehörigen Portion Souveränität. Die 415 setzte eine neue Marke. Die 455 zeigt jetzt, wie weit man damit segeln kann.
T: Stefan Detjen
F: Jeanneau

