Diese Marke braucht man kaum mehr vorzustellen. Hallberg-Rassy ist bekannt für seine zuverlässigen Yachten und ein sicherer Wert beim Yachtkauf. Und wenn schwedische Bootbauerqualität auf die Linien von Masterdesigner German Frers trifft, stehen die Vorzeichen für ein gelungenes Modell sehr gut. So auch bei der neuen Hallber-Rassy 370.



Spoiler: unsere hohen Erwartungen hat sie absolut erfüllt. Beim Bootstest auf dem Bodensee dürfen wir uns bereits umsehen, bis Rolf Müller zu uns kommt. Meine Frau taucht den Niedergang hinab, ich mache einen Rundgang an Deck. Die 370 strahlt fühlbar Qualität und Selbstbewusstsein aus. Das typische tiefe HR-Cockpit verspricht Schutz auch bei Shietwetter und bietet viel Platz, selbst bei einem soliden Tisch und zwei Steuersäulen mit den nötigen Displays und Schaltern. Überraschend ist auch die Badeplattform, die sich dank dem breiten Achterschiff über Gebühr einladend ausladend präsentiert. Auch die integrierte Badeleiter verdient das Prädikat grosszügig und solid. Beim Gang nach vorne fällt die clevere Leinenführung auf. Die Genuaschoten stehen in Reichweite des Steuergängers, das Grossschotsystem läuft auf einer Schiene vor dem Cockpit und wird über die vorderen Winschen bedient. Und neu: die Schotschienen für die Genua sind auf dem Kabinendach montiert. Für Lazy Sailors gibt es auch eine Selbstwendefock.
«Typisch Hallberg-Rassy», tönt es derweil von unter Deck, wo meine HR-Expertin das Innenleben inspiziert. Sie segelte schon damals auf der ersten Bodensee-Ketch von Hallberg-Rassy. Das nautische Interieur im Swedish Style ist geblieben, wer es lichter mag, ordert einfach die hellere Holzversion in europäischer Eiche. Kennerfreude herrscht auch beim Anblick der grossen Galley, mit Corian-Arbeitsfläche und einem 92-Liter-Kühlschrank mit Toploader neben dem Herd. Optional ist ein zweiter Kühlschrank mit Fronttür erhältlich, empfehlenswert für schnellen Zugriff. Und dann sind da noch die Details. In der untersten Stufe der Niedergangstreppe ist ein Fach für Schuhe oder Flip-Flops versteckt, im Salontisch ein Flaschenregal integriert und Weingläser werden fachgerecht in einem eigenen Schapp mit Falltür versorgt. Die Nasszelle hält ebenso den kritischen Blicken stand. Corian auch hier (Waschbecken und Trägerplatte), der separate Duschbereich abgetrennt durch eine Acrylglaswand, elektrisches WC. Dazu gute Belüftung, Stehhöhe und ein Schrank für nasses Ölzeug. Viel Platz gibt es im Salon für Familie und Freunde – auf dem U-förmigen Sofa und dem 2- Meter-Langsofa können sich 10 Personen um den abklappbaren Tisch versammeln. Immer wieder gut: eine Navstation in Fahrtrichtung, als Laptop-Arbeitsplatz oder für die Kartenarbeit auf längeren Törns. Die Eignerkabine beherbergt viel Stauraum unter und über dem grossen Doppelbett (Inselbett als Option) und in Schränken.

Mühelos ablegen – und ebenso segeln
Jetzt ist auch der Chef Rolf Müller an Bord. Wobei Chef nicht exakt ist. Rolf Müller hat seine Firma an seine Tochter Julia Steiner-Müller und ihren Mann Martin übergeben. Aber wie das halt so ist, wenn man seit 55 Jahren HR-Yachten mit viel Passion verkauft – man kann es einfach nicht lassen. Aber da sein Tagesgeschäft nicht mehr 12 Stunden dauert, bleibt mehr Zeit zum Segeln. Und das macht er manchmal auch ganz alleine. Leinen los und aus der Box fahren – als kleiner Helfer setzt Captain Müller auch schon mal das Bugstrahlruder ein, sollte Seitenwind ein Problem sein. Helfer 2 ist eine elektrische Winsch, die sich um das Hissen oder besser gesagt das Ausrollen des Elvstroem-Grosstuchs aus dem Seldén-Rollmast kümmert. Und zum Glück wurde beim Code Zero auf der Optionsliste ebenfalls ein Kreuzchen gemacht, sonst würden wir heute alt aussehen. Ein scheues Windchen, eher ein Lüftchen, haucht hie und da übers Schwäbische Meer. Motor aus, den Code Zero auf dem Bugspriet ausrollen und ab geht es. Ja wirklich – sie bewegt sich. Und wie! Die knapp acht Tonnen schwere Yacht säuselt durch die Konstanzer Bucht und schon ist die erste Halse fällig. Wir haben genug Speed für ein gelungenes Manöver und nehmen auf dem neuen Bug Fahrt auf. Ich steuere mit den Fingerspitzen und freue mich auf die direkte Reaktion. Die Twin-Ruder sind durch eine Stange verbunden und arbeiten perfekt. Andere Segler stehen fast still und schielen etwas neidisch auf unsere Heckwelle. Bei viel Wind segelt selbst ein Lastkahn, aber einen Hauch in Speed umzusetzen, da braucht es schon das passende Design und ein paar andere Dinge mehr. 4.3 Knoten fast ohne Wind sind das höchste der Gefühle. Germán Frers hat wohl zuerst in seinen America’s Cup Notizen nachgeschaut, bevor er das neue Unterwasserschiff und die neue Rumpfform zeichnete. Immerhin arbeitet er bereits seit 38 Jahren für die Werft in Ellös. Die 370 besitzt die gleiche Masthöhe wie die 40er HR und das ist hilfreich für eine gute Segelleistung.
| HALLBERG-RASSY 370 | |
| Länge ü.a. (mit Bugspriet) | 12,13 m |
| Rumpflänge | 11,32 m |
| Länge Wasserlinie | 10,59 m |
| Breite | 3,75 m |
| Tiefgang | 2,00 m |
| Verdrängung | 8 t |
| Kielgewicht (ca.) | 2,6 t |
| Kieltyp | Bleibulb auf Eisenblatt |
| Ruder/Steuerung | Twin Ruder |
| Rigg | Seldén |
| Segelfläche (Gross + Fock) | 79,6 m2 (optional 81,9 m2) |
| Grosssegel | 43,6 m2 |
| Motor | Volvo Penta D2 50 (37,5 kW / 51 PS) |
| Kraftstoff ca. | 248 l |
| Frischwasser ca. | 474 l |
| Mast über Wasser | 18,1 m |
| Design | Germàn Frers Naval |
| Preis | ca. CHF 399’000 ab Werft |
Erfolg hat viele Väter – und Töchter
Kaiserwetter und eine Yacht, die gut läuft… was will man mehr? Zahlen und Daten spielen plötzlich keine Rolle mehr. Dafür hat man mehr Musse zum Plaudern. Was würde Rolf Müller neben Bugstrahlruder und Code Zero noch empfehlen? «Für stressfreies Segeln unbedingt noch Elektrowinschen, einen Plotter und einen Autopiloten,» listet der ehemalige Regattasegler auf. «Man soll das Segeln geniessen, also warum sich nicht ein paar Extras gönnen, um auch alleine ablegen zu können.» Er lacht, wenn er von den Anfängen seiner HR-Erfolgsstory erzählt. «Meine Mistral 33 Vertretung der Harry Hallberg Werft lief noch über eine Handelsfirma in Göteborg, bis mich Christoph Rassy 1972 fragte, ob ich nicht als Händler der neugegründeten Hallberg-Rassy Werft direkt übernehmen wolle. Ich hatte damals lange Haare und wunderte mich über das Vertrauen, das er mir entgegenbrachte.» Aber Christoph Rassy hatte eine gute Nase. Aus der Geschäftsbeziehung mit über 700 verkauften Yachten entwickelte sich über die Jahre eine dicke Freundschaft, man segelte viel zusammen und ging auch auf lange Törns. Panamakanal, Galapagos… Rolf Müller kommt ins Schwärmen und der Bodensee hat plötzlich keine Ufer mehr. Die Geschichten und Anekdoten werden immer bunter, aber was auf der HR 370 erzählt wird, bleibt auch dort. Immerhin darf man verraten, dass der junge Magnus Rassy beim gelernten Bootbauer Müller ein Praktikum absolvierte. Dass Baunummer 03 der HR 370 in die Schweiz geliefert wird. Und das Tochter Julia mit Familie diesen Sommer segeln geht – auf einen HR-Überführungstörn mit Kurs Ellös.


Mit Abstand betrachtet
Gut gelaunt lasse ich mich im Hafen absetzen und klettere auf ein Arbeitsboot des Hafenmeisters (danke Michael!). Ich will die Traumkulisse ausnützen und ein paar Aufnahmen machen. Als die HR 370 an mir vorübersegelt, kann ich ihre Linien bewundern. Ganz vorne sehr schlank, dann schnell breiter werden und ebenso auslaufend. Genauso typisch Hallberg-Rassy ist das Cockpit mit den festen Sprayhood-Scheiben. Aber die gestreckte Linie mit dem nach vorne ansteigenden Rumpf mit dem senkrechten Steven: Cool! Zusammen mit den achterlich versetzten Aufbauten hat die Yacht etwas Modernes und Dynamisches. Die Steuerfrau steht sehr weit achterlich und rauscht an mir vorbei. «5.6 Knoten!» höre ich – mein persönlicher Rekord von vorhin wurde gerade übertrumpft…
T: Stefan Detjen
F: Werft / Stefan & Regina Detjen
Rolf Müller AG
8574 Lengwil
Tel. +41 71 688 41 41
bootswerft-mueller.swiss
Vertretung von Hallberg-Rassy für die Schweiz, Süddeutschland und Österreich. Lieferung und Betreuung auch am Meer.


