Eigentlich begann es damit, dass auch Jeanneau mit einer Elektroyacht seine Modellreihe ausbauen wollte. Dabei könnte man es sich ja einfach machen. Man nehme ein Modell aus der eigenen Produktion, baut Batterie und E-Antrieb ein und lässt das alles durch ein System steuern und überwachen. Doch in Les Herbiers, dem Sitz von Jeanneau, ging man das Projekt anders herum an. Die Sea Loft 480 – eine Entwicklung wie aus dem Bilderbuch.

Und so lief es ab: Das Produkt Management entwarf eine Art experimentelle Versuchsplattform, um alle Möglichkeiten der E-Mobilität auszutesten. Während das Projekt technisch voranschritt, lieferten Marktzahlen neue Erkenntnisse, die in das Konzept miteinflossen. Verkürzte Charterzeiten und limitierter Abnahmemarkt liessen die Verantwortlichen auf neue Geschäftsfelder stossen. Weitere Erkenntnis: Der leise Antrieb und das Wohnfeeling eignen sich ideal für Menschen, die das erste Mal aufs Wasser gehen. Keine Segelmanöver, keine Schräglage und auch kein Motorengeräusch sollen das Erlebnis stören. Gemäss Marktforschung Jeanneau soll es 1,5 Millionen Hotel- und Resortzimmer direkt am Wasser geben. Hier machten die Bootsbauer ein riesiges Potential an erlebnishungrigen Kunden aus, die nicht nur am Hotelpool oder -strand liegen wollen. Wie wäre es, wenn diese Hospitalitystrukturen ihren Gästen neue Emotionen ermöglichen könnten? Als logische Folge nahm die neue Yacht schon erste Formen an: viel Volumen, viel Open Space Feeling, viel überdachte Fläche für Solarzellen und trotzdem noch genug Liegefläche für Sonnenanbeter.

LEISE LEISTUNG
In Südfrankreich hatten wir die Möglichkeit, die Sea Loft 480 bei einem Überführungstörn länger als gewöhnlich zu testen. Es handelte sich dabei um Baunummer 1, welche bereits eine erfolgreiche Chartersaison in der Adria hinter sich hat. Ein zweites Modell ist auf den British Virgin Islands im Einsatz. Der erste Eindruck beim Anbordgehen: eine wahre Villa auf dem Wasser. Dank einer Deckenhöhe von zwei Metern und den riesigen Fensterfronten kommt sofort ein Open-Space-Feeling auf. Der Küchenblock der Pantry würde in jedem coolen Strandbungalow eine gute Figur machen und der Esstisch sowie die beiden Sofas sind absolut loungetauglich. Die achterlichen drei Meter der Seitenwand können abgeklappt werden und verwandeln sich in Terrassen auf dem Wasser. Wir legen ab – absolut geräuschlos. Hätten wir schlafende Gäste an Bord, sie würden nicht vom Diesellärm geweckt. Aus der Marina St. Raphaël nehmen wir Kurs auf Cannes. Bei der Hinfahrt sind wir mit einer Cap Camarat 9.0 CC mit 42 Knoten übers Wasser gebrettert. Und jetzt die pure Erholung. In aller Stille schweben wir mit 7,4 Knoten dahin. Wir haben alle Fenster und Jalousien hochgerollt – anstatt Scheiben gibt es elektrisch aufrollbare Fensterfolien – und mit dieser Frischluft-Option dürfte eine Klimaanlage überflüssig werden. «Es ist wie Segeln ohne Segel,» meint ein zufriedener Antoine Chancelier, Sales Director von Jeanneau Sailing. Die Sea Loft 480 läuft mit voller Leistung, angetrieben von 2x POD 10kW von Fischer Panda. Das eher retro-anmutende Steuerrad will nicht so recht zum modernen 12-Zoll-Grossdisplay von Raymarine passen, auf dem man sieht, woher die (Antriebs-) Power stammt und für was sie verbraucht wird. Informativ animiert, erkennt man, dass die 12 Marlex-Solarpanels 22% der benötigten Energie liefern – trotz bedecktem Himmel und einer dicken Schicht Saharasand auf den Panels. Der Rest kommt aus den Batterien. Würde deren Ladestand unter 75% fallen, startet automatisch der Generator (ebenfalls von Fischer Panda) und legt neue Batteriepower nach. Elektrische Performance bedeutet, Reichweite und Ladeplanung in den Mittelpunkt des Betriebs zu stellen. Antrieb und Fahrverhalten machen einen sehr guten Eindruck. Die Doppelrudersteuerung erfolgt hydraulisch über eine Verbindungsstange. Elektrisch unterwegs zu sein, bedeutet sofortiges Drehmoment, fein dosierbares Handling und sehr ruhiger Lauf, dank grossen Propellern und eher niedrigen Umdrehungszahlen. Gerade beim An- und Ablegen sowie in engen Revierbereichen zeigt die Sea Loft 480 hohe Präzision.


LUXUSKREUZER TRIFFT NACHHALTIGKEIT
Die reduzierte Geräusch- und Vibrationskulisse steigert den Reisekomfort – ein klarer Pluspunkt für den elektrischen Antrieb. Elektromotoren reduzieren Wartungsaufwand und Betriebsgeräusche — ein klarer wirtschaftlicher Vorteil. Dem gegenüber stehen höhere Investitionskosten für Batterie- und Energiesysteme sowie besondere Anforderungen an Brandschutz, Batterie- Management und an die Crew. Arnaud Deboos, Ingenieur und Projektleiter bei…
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T: Stefan Detjen
F: Jeanneau
jeanneau.com



