Die Oceanis 52 ist bereits die achte Generation der Oceanis-Blauwasseryachten. Die neue Bénéteau ersetzt die 2017 lancierte Oceanis 51.1, das erfolgreichste Modell ihrer Klasse in Sachen verkaufter Exemplare und gesegelter Meilen. Unser Test zeigt klar, dass der neue Fahrtencruiser ein absolut würdiger Nachfolger ist.
Als Marktführer kann Bénéteau auf einen langen und grossen Erfahrungsschatz bauen. 140 Jahre Firmengeschichte, 30’000 ausgelieferte Oceanis-Yachten seit 1986, 125 Awards und Auszeichnungen – die Franzosen wissen, wie man Yachten baut, kein Zweifel. Dass man dabei auch ein offenes Ohr für Eigner und Marktwünsche hat, zeigen neue und oft unkonventionelle Lösungen, mit denen die Werft und ihre Designer zukünftige Trends vorwegnehmen. Mit der Seanaps-Applikation, welche dem Besitzer über sein Mobilphone die Kontrollmöglichkeiten über seine Yacht bietet (Bootsdaten, Navigation, Wartung), erhält Bénéteau zusätzlich weitere wertvolle Praxisdaten über die Verwendung und das Fahrverhalten. Auswertungen ergaben, dass ein typischer Tag aus 15% Segeln und 85% vor Anker besteht. Und dass sich bis zu acht Personen in einem Cockpit tummeln, das eigentlich für die Navigation und das Segelhandling gedacht ist. Auch wenn in diesen Daten der Input von Charteryachten inbegriffen ist: für eine neue Generation von Yachten müsste das bedeuten, dass die Segelleistung nicht unbedingt erste Priorität hat, sondern dass Verbesserungen für das Leben an Bord im Fokus stehen sollten.



SIEHT GUT AUS UND SEGELT AUCH SO
Mit ihren 52 Fuss kommt die neue Oceanis als eindrückliche Yacht daher. Ein Hingucker ist sie auf jeden Fall, die Silhouette ist ausgewogen und elegant, die spezielle Farbgebung unterstreicht die Extraklasse. Biscontini Yacht Design hat bereits die First 53 und Oceanis 60 auf ein ganz neues Niveau bei Serien-Yachten gehoben, so trägt auch der neue Cruiser seine Handschrift. Keine kantigen Chines, eher abgerundete, weiche und fliessende Linien. Trotz der schlanken Optik verfügt die 52er gegenüber der 51.1 über 30% mehr Volumen. Wer den Targabügel, der den Gesamteindruck eigentlich dynamisch unterstützt, doch nicht mag, kann die Yacht auch ohne ordern. Das grosszügige Cockpit ist das erste gestalterische Highlight der Yacht. In einer ungewohnten Diamondform konzipiert, bietet es Platz für eine grosse Crew dank zwei C-förmigen Bänken und zwei höhenverstellbaren Tischen, die sich zusätzlich ausklappen lassen. Im anschliessenden zentralen Sitzbereich vor der abklappbaren Badeplattform sind Kühlschrank und Plancha-Grill positioniert – perfekt für Picknick und Parties am Ankerplatz.
Aber jetzt wird gesegelt. Was gestern windmässig zu viel des Guten war, zeigt sich am heutigen morgen als launiges, leichtes Lüftchen. So setzen wir nach dem Gross gleich den Gennaker und schicken den Yanmar Saildrive mit seinen 110 PS zur Ruhe. Mit der Morgensonne nimmt das Windchen zu und bei 8.2 Knoten wahrem Wind gleiten wir mit 5.8 Knoten durchs Wasser. Die Yacht reagiert rasch und lebendig, auch wenn das Ruder für meinen Geschmack etwas zu hart eingestellt ist. Etwas mehr Abstand zur Steuersäule wäre wünschenswert, damit man sich die Finger nicht zwischen Rad und Instrumentenbord einklemmt. Sehr gut im Blick hat man das 12-Zoll-Display mit allen seinen Informationen. Ein zusätzlicher seitlicher Haltegriff an der Steuersäule wäre hilfreich, wenn man das Cockpit über zwei Stufen zur Gangway verlässt. Ansonsten wurde der Bereich sehr funktional und ergonomisch konzipiert, indem die Manöverzone zwischen Primär- und Sekundärwinschen aufgeteilt ist, was die Leinenführung intuitiv erleichtert.
Wir wechseln auf die 105%-Genua und freuen uns an spritzig absolvierten Wendemanövern. Die Segelleistungen sind tadellos, der beim Redesign schlank gebliebene Rumpf spielt da sicher eine Rolle. Wer sich noch mehr Performance wünscht, wählt die First-Line-Version: diese Konfiguration umfasst einen 2.36 m Langkiel (in der Basisversion: 1.92 m) sowie einen 1.85 m höheren Performance- Mast. Dadurch wächst die Grosssegelfläche von 46 m² auf beeindruckende 66 m².
Wer mit der grossen Fahrt liebäugelt, sollte vorher unbedingt ein Gespräch mit Markus Graf einplanen. Der Bénéteau-Vertreter vom Bodensee kennt sich mit den verschiedenen Rigg- und Segel-Optionen bestens aus und weiss über die Optimierungsmöglichkeiten für Kabinen und Pantry Bescheid. So kann bereits werftseitig die Autonomie erhöht werden. Zusätzliche Tanks für Wasser (+300 Liter) und Diesel (+200 Liter) stehen auf der Optionsliste.

PLATZ FÜR ALLES
Unter Deck besticht das Platzangebot. Das hat Nauta Design in bewährter Manier in einen modernen, hellen Lebensraum mit viel Komfort verwandelt. Auf den Wunsch vieler Eigner wurde der Pantryteil vergrössert und in der Eignervariante in eine richtige Kücheninsel umgewandelt. Direkt daran schliesst ein perfekter Work Space an, der als Navigationstisch eigentlich viel zu schade ist. Endlich Platz genug für eine Seekarte aus Papier, um lange Schläge abzustecken. Auch wenn das Bénéteau-Marketing auf die Nutzung als Büro hinweist, denn die neue Eignergeneration 50 plus stehe noch aktiv im Berufsleben, aber mobil und unabhängig. Ob Büro oder Navigationsplanung – diese Zone ist Gold wert. Gegessen wird in der Dinnerzone vis-à-vis. Der Tisch kann sich fast magisch vergrössern, da würde sogar Mary Poppins neidisch. Von der Pantry zum Esstisch das Essen servieren und unterwegs noch schnell den Weinkeller besuchen? Kein Problem: unter der Bodenplatte beim Tisch liegen die Flaschen schön geneigt und griffbereit. Savoir vivre vom Schönsten…
Das gesamte Ambiente inklusiver aller Kabinen ist extrem gut gelungen. Es schmeichelt nicht nur dem Auge, die Wertigkeit ist sicht- und fühlbar. Dank massiver Umleimer und Echtholz-Kanten präsentiert sich die Ausbauqualität tadellos, die Echtholzfurniere sorgen für eine noch bessere Haptik. So muss Lebens- und Arbeitsraum für Liveaboards aussehen, wer möchte da noch tauschen? Auf dem Wasser leben und trotzdem mit der beruflichen Welt in Kontakt bleiben – so kann es funktionieren. Auch in den Badezimmern muss auf nichts verzichtet werden. Grösse, Ausbau und Design stehen den Pendants an Land in fast nichts nach.
| OCEANIS 52 | |
| Länge ü.a. | 16.28 m |
| Breite | 4.80 m |
| Tiefgang Langkiel | 2.30 m |
| Verdrängung | 13.930 kg |
| Frischwasser | 440 l |
| Kraftstofftank | 200 l |
| Motorleistung | 80 PS (optional 110 PS) |
| Gross | 55.80 m2 |
| Rollgross (Option) | 45.80 m2 |
| Genua 105% | 61.00 m2 |
| Asymm. Spinnaker (Option) | 180.00 m2 |
| Konstrukteur | Berret Racoupeau Yacht Design |





SOLIDE WERTE
Der erste Eindruck beim Betreten einer Yacht und beim Rundgang unter Deck ist meist der richtige. Man spürt es einfach. Wenn die Bodenplatten nicht nachgeben, wenn die Sitzpolster schön dick und angenehm sind, wenn Türgriffe nicht wackeln und selbst Details wie Leselampen den guten Gesamteindruck noch verstärken – hier hat man es mit einer seriösen Yacht zu tun. Und das alles steckt in einem Rumpf in Sandwichbauweise mit Polyester und Balsa-Verbundplatten. Damit nicht genug, denn dazu wird eine strukturelle Gegenform in monolithischem Sandwich eingeklebt, die für zusätzliche Steifigkeit sorgt. Der Gusskiel wird mit einer Edelstahl-Gegenplatte verschraubt und ebenfalls verleimt. Das Deck besteht aus Sandwich (aus Glasfaser und Saerform-Schaum), welcher im Infusionsverfahren hergestellt wird, darüber ein rutschfester Belag.
Das Gesamtkonzept der neuen Oceanis 52 überzeugt und wurde perfekt umgesetzt. Mit einem Startpreis von unter einer halben Million Euro bekommt man viel Boot fürs Geld. Wer in der Optionsliste ein paar Kreuze zusätzlich macht, kommt rasch auf € 800’000 exkl. MwSt. Trotzdem findet sich zu diesem Preis nicht so schnell ein Haus am Meer – Büro inbegriffen. Das Kosten/Nutzen-Verhältniss scheint aufzugehen. Stand Oktober 2025 waren bereits 40 Yachten verkauft, davon 28 Eigner- und 12 Charterboote. Und das ist erst der Anfang…
T: Stefan Detjen
F: Bénéteau


