Oneglia – Liguriens leiser Star

Eigentlich möchte ich diesen Traveltipp ganz alleine für mich behalten. Wer auf der Autobahn entlang der ligurischen Küste unterwegs ist, nimmt Oneglia oft nur als einen Namen auf einem Autobahnschild wahr. Ein Fehler. Denn hinter der Ausfahrt verbirgt sich einer der authentischsten Häfen Italiens – eine kleine grosse Stadt, in der Geschichte, Seefahrt, Olivenöl und grosse Persönlichkeiten auf überraschende Weise zusammenfinden. Also kommen Sie mit, wir streifen durch die Gassen bis ans Meer.

Oneglia bildet zusammen mit Porto Maurizio die heutige Stadt Imperia. Während Porto Maurizio mit seiner modernen Marina beeindruckt, hält sich Oneglia etwas bedeckt und im Schatten. Im ewigen Konkurrenzkampf mit seinem Nachbarn hat sich Oneglia auf seine stillere Rolle besonnen. Es ist kein Ort sensationeller Sehenswürdigkeiten – und genau das macht seinen Reiz aus.

Meine Wunschliste an Hafenorte ist kurz und bescheiden. Ich brauche morgens eine gute Caffetteria/Pasticceria und bin mit dem altehrwürdigen Piccardo bestens bedient. Ein Zeitungskiosk ist zum Glück gleich nebenan. Zum Mittagessen eine Trattoria, wo man nicht über den Tisch gezogen wird. Eine Buchhandlung ist ein Must. Am Hafen dann bitte einen Shipchandler und eine Bar für den Apéro. Abends schliesslich ein Ristorante, bei dem die Karte mit fangfrischem Fisch gerne klein sein darf, wenn es die Preise auch sind. Und ebenfalls gerne eine Gelateria. Eine passende Bar für den Absacker? Kein Problem, Oneglia bietet auch das und alles gleich mehrfach. Und den Rest des Tages? In der Zwischen- und Wintersaison auf der Mole spazieren und den Gedanken nachhängen. Oder frühmorgens in der Markthalle an der Piazza Doria Auge und Nase erfreuen. Bei Regen unter den Arkaden flanieren und sich ein Paar neue Segelschuhe von Sebago leisten. Oder dem Marinemuseum in Porto Maurizio einen Besuch abstatten. Im Sommer sich ein Liegebett im Koko Beach gönnen. Dieser Beach Club wird übrigens jeden Frühling wieder von Null aufgebaut. Denn im Winter zeigt das Meer, wer hier der Meister ist und zertrümmert respektlos die weissen Holzdecks mitsamt dem Restaurant. Da nützen auch die felsigen Wellenbrecher nichts. Aber keine Angst, nächste Saison macht das Koko wieder auf, weisser und etwas mondäner wie in der Saison zuvor.

Die älteren Semester hier im Ort verbrachten ihre Sommertage auf der Galeazza, einem Scoglio, einem Felsenhaufen vor einem steinigen Strand etwas ausserhalb des Städtchens. Hier war man genug weit weg von elterlichen Blicken, hier war Abenteuerland und der Ort für salzige Haut und ebensolche Küsse. Heute führt an der Galeazza die Velo- und Spazierstrecke nach Diana Marina vorbei.

Rund um den alten Hafen der Calata Cuneo bestimmen Fischerboote, ein paar wenige Segelyachten, Cafés und kleine Trattorien das Bild. Hier wird gearbeitet, gegessen, diskutiert – ganz ohne die aufgesetzte Kulisse mancher Riviera-Orte. Abends spielt sich hier die «Passeggiata» ab, halb Oneglia und das Hinterland treffen sich beim Flanieren, beim Sehen und hoffentlich auch Gesehenwerden. Auch im Winter wird am Hafen promeniert – dann bestaunt man die grösseren Yachten, die hier manchmal überwintern.

Zwischen Seemächten und Olivenhainen

Oneglia blickt auf eine Geschichte zurück, die ungewöhnlicher kaum sein könnte. Es waren natürlich bereits die alten Römer, die eine gute Nase hatten und den natürlichen Hafen an der Mündung des Flusses Impero nutzten. Im Mittelalter entwickelte sich Oneglia zu einem begehrten Küstenort, zunächst unter den Bischöfen von Albenga, später unter der Herrschaft der mächtigen Familie Doria. Haben Sie die Marmortafel dort an der Hausfassade entdeckt? Das gelbe Haus, direkt bei der Markthalle, beim Durchgang zum Hafen? Die Familie Doria machte Oneglia zu einem florierenden Handelsplatz – und brachte den berühmtesten Sohn der Stadt hervor: Andrea Doria. 1466 hier geboren, entwickelte sich Doria zu einem der bedeutendsten Admiräle der Renaissance. Als genialer Stratege und Staatsmann führte er die Republik Genua zu neuer Stärke und stand im Dienst Kaiser Karls V. Seine Flotten bestimmten über Jahrzehnte das Machtgefüge des westlichen Mittelmeers. Dass ein Mann dieses Formats aus dem vergleichsweise kleinen Oneglia stammt, macht die Einwohner bis heute stolz.

Noch aussergewöhnlicher wurde die Geschichte der Stadt, als die Dorias Oneglia 1576 an das Haus Savoyen verkauften. Mit diesem Coup besassen die Herzöge von Savoyen endlich einen eigenen Zugang zum Mittelmeer – und das mitten im Einflussgebiet der Republik Genua. Jahrhunderte lang blieb Oneglia damit eine politische Insel, ständig umkämpft und dennoch wirtschaftlich erfolgreich.

OLIO & PASTA

Den eigentlichen Wohlstand brachte jedoch kein Kriegsschiff, sondern die Olive. Die sanften Hügel rund um Oneglia gehören zu den traditionsreichsten Olivenanbaugebieten Italiens. Hier wächst die kleine Taggiasca-Olive, aus der eines der feinsten nativen Olivenöle des Mittelmeerraums gewonnen wird. Die begehrte Qualität machte Oneglia im 19.Jahrhundert zum Zentrum des internationalen Olivenölhandels. Von hier aus wurden Fässer nach Marseille, Barcelona und bis nach Übersee verschifft. Namen wie Berio oder Fratelli Carli stammen aus dieser Zeit und machten das ligurische Olivenöl weltweit bekannt. Heute gehört ein Besuch im Museo dell’Olivo und dem schön gemachten Carli-Shop ebenso zu Oneglia wie ein Espresso am Hafen oder eine Portion frischer Trofie mit Pesto.

Und für was waren die stillgelegten Hafenkrähne gut? Als 1824 die Familie Agnesi ihre Getreidemühle hier erbauten, wollten sie nur das allerbeste Getreide für ihre Pasta. Das wuchs damals wie heute in der Ukraine. Viermal im Jahr segelte die Firmen-Brigantine «P.B. Agnesi» quer durchs Mare Nostrum ins Schwarze Meer und kam mit der kostbaren Fracht zurück. Bei den Jugendlichen in Oneglia war es ein sportlicher Ehrgeiz, wer den Segler vom Capo Berta zuerst am Horizont entdeckte, um dann zur Mühle zu rennen, um die Ankunft zu avisieren. Der Lohn dafür war eine ofenfrische Focaccia. Dank Pasta und Olivenöl sei hier anscheinend der Gebortsort der Mittelmeer-Diät. Diät oder nicht, gut essen kann man hier fast überall.

Ein Hafen für aussergewöhnliche Menschen… und Leute wie du und ich

Nicht nur Kaufleute und Seeleute wie mich zog es nach Oneglia. Auch Künstler und Abenteurer entdeckten den Charme der ligurischen Küste. Wie ein Disney-Märchen erscheint die Geschichte des legendären Clowns Grock alias Charles Adrien Wettach. Der Schweizer Weltstar suchte nach Jahrzehnten auf den grossen Bühnen Europas einen Ort zum Ankommen – und fand ihn oberhalb von Oneglia. Dort liess sich der König der Clowns Anfang der 1930er-Jahre die elegante Villa Bianca errichten. Das aussergewöhnliche Gebäude mit seinen orientalischen Anklängen erzählt bis heute von einem Künstler, der sich nach einem Leben im Rampenlicht bewusst für die Ruhe Liguriens entschied.

Nur wenige Kilometer östlich setzt sich diese erstaunliche Reihe fort. Im mittelalterlichen Dorf Colla Micheri fand der norwegische Abenteurer Thor Heyerdahl seine Wahlheimat. Der Kon-Tiki-Pionier restaurierte historische Häuser, engagierte sich für den Erhalt des Dorfes und lebte dort über Jahrzehnte. Nach seinem Tod wurde seine Asche auf dem kleinen Friedhof des Ortes beigesetzt. Es wirkt fast symbolisch, dass einer der grössten Entdecker des 20. Jahrhunderts seine letzte Ruhe an einer Küste fand, von der seit Jahrhunderten Menschen in alle Welt aufbrechen.

Der Luxus der Gelassenheit

Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis Oneglias. Die Stadt besitzt keine mondänen Boutiquen wie Portofino und keinen Glamour wie Monaco. Keine aufgedrehten Influencer und Selfie-Knipser an hippen Locations. Stattdessen bietet sie etwas, das an der Riviera selten geworden ist: Authentizität. Bröckelnder Putz, stille Gassen und eine Szenerie wie in den Fünfzigerjahren – ohne grossen Aufwand wäre Onefglia die passende Filmkulisse für einen Retrofilm über Bella Italia. Am Morgen bringen Fischer ihren Fang an Land. Mittags füllen sich die kleinen Restaurants mit Einheimischen. Am Nachmittag riecht die Luft nach Espresso und Olivenöl, während am Steg Segler ihre Leinen klarieren.

Für Segler ist der Hafen übrigens ein idealer Ausgangspunkt, um die Riviera zu erkunden. Für Geniesser ist er ein Paradies aus ligurischer Küche, exzellentem Olivenöl und entspanntem italienischem Lebensgefühl. Und für Geschichtsinteressierte erzählt nahezu jede Gasse eine „una storia“ – von Admirälen, Kaufleuten, Schriftstellern, Clowns und Entdeckern.

Oneglia ist kein Ort, der laut um Aufmerksamkeit wirbt. Die Stadt überzeugt leise. Vielleicht ist genau das ihr grösster Luxus.

T: Stefan Detjen
F: Regina Detjen / Shutterstock / Unsplash

imperiaexperience.it

Ca è Piccardo
Piazza Dante Alighieri 2

Gelateria Sharbè
Via Giorgio Des Geneys 5

Ristorante Damare Terra e Mare
Calata Gian Battista Cuneo 37

Monkey’s Bar
Calata Gian Battista Cuneo 5

Mondadori Bookstore
Via Silvio Bonfante 42

Koko Beach
Via Angelo Carli 47

Museo Navale e Planetarium
Via Scarincio, 9

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