Paul Cayard – Captain Star

Wer ist der beste Segler, der niemals den America’s Cup gewonnen hat? Manche nennen grosse Namen, die knapp gescheitert sind. Andere erinnern sich an Genies, deren Karriere von einem einzigen verlorenen Finale überschattet wurde. Doch ein Name fällt fast immer: Paul Cayard.

Der Unterschied zu anderen? Während viele Cup-Sieger nur in einer Disziplin brillierten, beherrscht der Kalifornier praktisch alles, was der Segelsport zu bieten hat. Regatten auf Binnenrevieren, Match Racing, Hochseesegeln, Weltmeisterschaften, Ozeanrennen – Cayard war überall konkurrenzfähig. Über fast drei Jahrzehnte gehört sein Name zur absoluten Weltspitze. Nicht, weil er den America’s Cup gewonnen hätte. Sondern weil er ihn gar nicht gewinnen musste.


Geboren 1959 in San Francisco, lernte Cayard das Segeln dort, wo Wind und Strömung selbst erfahrene Crews täglich fordern. In der Bucht von San Francisco entwickelte er jenes taktische Gespür, das später zu seinem Markenzeichen wurde. Früh war klar: Dieser junge Mann konnte nicht nur schnell segeln – er verstand das Spiel hinter dem Spiel.


Miami, Februar 2026. Im Hafen liegen Starboote nebeneinander. Junge Segler diskutieren über Winddreher und Bootstrimm. Dazwischen steht ein Mann mit grauen Haaren und einem Seesack über der Schulter. Die meisten erkennen ihn. Paul Cayard. America’s-Cup-Finalist. Whitbread-Sieger. Weltmeister. Präsident der Star-Klasse. Wenige Tage später wird er den Bacardi Cup gewinnen – eine Trophäe, auf die er 45 Jahre gewartet hat. Man könnte sagen: ein später Triumph. Oder einfacher: Paul Cayard hatte noch ein unfinished business zu erledigen.

Präsident mit nassem Hintern

Wenn man Cayard verstehen will, muss man nicht in San Francisco beginnen. Man muss in ein kleines, fast archaisches Boot steigen: Den Star. Die Klasse wirkt im Zeitalter von Foils und Hightech-Yachten beinahe aus der Zeit gefallen. Doch genau deshalb ist sie bis heute die härteste Schule des Segelns. Zwei Menschen, ein Boot, ein Windfeld. Entscheidungen im richtigen Moment. Keine Ausreden.


Sein Mentor Tom Blackaller macht ihn mit dem Star-Boot vertraut. Hier lernt Cayard, dass Geschwindigkeit nicht nur aus Material entsteht. Sondern aus Gefühl. Bereits in jungen Jahren wurde er von der Klasse geprägt und sorgte schon 1978 bei seiner ersten Weltmeisterschaft als Vorschoter für Aufsehen. Zehn Jahre später gewann Paul in Buenos Aires selbst den WM-Titel – gegen eine Generation von Ausnahmeseglern, die bis heute als eine der stärksten überhaupt gilt. Er nahm an Olympiaden teil, segelte sich zehnmal in die Top Ten der WM und gehört über Jahrzehnte zur absoluten Weltspitze.


Andere Champions wechseln nach ihren ersten Erfolgen zu grösseren und spektakulären Projekten. Cayard kehrt immer wieder zum Star zurück. Heute führt er die Internationale Star-Klasse als Präsident – und macht das, was nur wenige Funktionäre können: Er spricht nicht nur über die Tradition der Klasse. Er lebt sie. Letztes Jahr gewann er gemeinsam mit Vorschoter Frithjof Kleen die Star-Weltmeisterschaft. Ein halbes Jahrhundert nach seinen ersten Schritten in dieser Klasse bewies Cayard, dass Erfahrung im Segeln kein Ersatz für Geschwindigkeit ist. Aber ein gewaltiger Vorteil.

Captain America

Seine ersten America’s-Cup-Erfahrungen sammelte Cayard bereits 1983 an Bord der Defender von Tom Blackaller. Vier Jahre später war er erneut dabei, diesmal als Taktiker auf der 12-Meter-Yacht. Doch der eigentliche Durchbruch folgte Anfang der Neunzigerjahre. Der italienische Industrielle Raul Gardini verpflichtete den Kalifornier mit dem Moustache für Il Moro di Venezia. Ein amerikanischer Skipper an der Spitze der italienischen America’s-Cup-Hoffnungen – das hätte auch grandios scheitern können. Mit dem Syndikat Il Moro di Venezia schrieb Cayard Segelgeschichte. 1992 führte er die Mannschaft sensationell zum Sieg im Louis Vuitton Cup und stand damit als erster «Italiener» überhaupt im finalen Match um den America’s Cup. Die rote Yacht wurde weltweit zum Symbol eines neuen italienischen Selbstbewusstseins im Spitzensegeln – gäbe es heute ein Prada Luna Rossa Team ohne Moro? Wohl kaum. Im Finale damals wartete allerdings das übermächtige America³-Team. Cayard verlor – gewann aber den Ruf als einer der besten Skipper seiner Generation.


Nur drei Jahre später stand er erneut im America’s-Cup-Finale. Diesmal steuerte er Young America für das legendäre Stars and Stripes-Team von Dennis Conner. Doch der Gegner hiess Neuseeland. Peter Blake und Russell Coutts segelten damals nahezu in einer eigenen Liga. Die Kiwis liessen den Amerikanern keine Chance und beendeten die amerikanische Dominanz endgültig.

Captain Sparrow

Anstatt sich darüber zu definieren, was ihm fehlte, schrieb Cayard seine grössten Kapitel fernab der America’s-Cup-Bahnen. 1997 übernahm er das Kommando auf der schwedischen EF Language beim Whitbread Round the World Race. Für viele galt er als hervorragender Inshore-Segler – aber kaum jemand traute ihm zu, eine Weltumsegelung zu gewinnen. Cayard strafte sämtliche Kritiker Lügen. Die Bedingungen im Südlichen Ozean interessieren sich nicht für Lebensläufe. Dort zählen keine America’s-Cup-Finals und keine Weltmeistertitel. Dort zählt nur…

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T: Stefan Detjen
F: Rolex / Alexandre de Brabant / Martina Orsini / Marina Semenova / Hechler Photographers / Amer Sports One / Carlo Borlenghi / Loro Piana / Studio Borlenghi / Bruno Cianci / ZVG

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