Warum persönliches Engagement beim Meeresschutz für alle eine gute Idee ist. Ein Versuch, als Volontärin die Welt zu retten – im Filicudi WildLife Conservation Center.
Sich zum Meeresschutz zu bekennen, ist ein löblicher Anfang. Aber nur mit der richtigen Einstellung ist noch nicht viel bewirkt. Was ist die beste Methode, den globalen Umwelt-Problemen Paroli zu bieten?
Dieser Frage habe ich mich gestellt. Und mir war schnell klar – ich möchte mehr tun, als bloss Geld zu spenden. Beim Strandspaziergang Müll und Plastik aufzusammeln gab mir schon eine Ahnung davon, wie gut es sich anfühlt, dem Meer etwas Gutes zu tun. Davon wollte ich mehr und entschloss mich, die Rettung der Ozeane selbst in die Hand zu nehmen. Was ich bei meinem Freiwilligen-Einsatz auf den Liparischen Inseln erlebt habe und warum ich ein Volontariat allen Ocean-Lovern ans Herz lege – davon erzähle ich in meinem Almanach.
Der Entschluss zur Freiwilligenarbeit war gefasst – als nächstes sah ich mich nach einem passenden Angebot um. Aber wie und wo? Und zu welcher Arbeit tauge ich denn? Schliesslich bin ich nicht mehr die Jüngste und habe ausser einer Leidenschaft für Wassersport und Ozeane keinerlei Ausbildung in Richtung Meeresschutz vorzuweisen. Für Antworten habe ich also das Internet gefragt.



PASSENDE ANGEBOTE FISCHEN
Freiwilligenarbeit boomt. Bevor ich mich im Kelpwald seriöser und unseriöser Angebote verloren hätte, habe ich mich auf der vertrauensvollen Seite von OceanCare umgesehen. Sie empfehlen Projekte ihrer Partner-Organisationen, wie zum Beispiel LifeOasis auf Mallorca. Über diesen Kontakt bin ich zur Schildkröten-Station von Dr. Monica Blasi auf Filicudi gelangt. Das passte! Auf die Liparischen Inseln wollte ich immer schon mal.
VOM PROBLEM ZUR LÖSUNG
Schnell war ein Wunschdatum im nächsten Jahr gefunden. Ab jetzt ging die Vorbereitung los. Vor meinem Einsatz wollte ich alles wissen über die aktuellen Themen von der Oceanfront. Also habe ich gleich mal meinen Social Media Algorithmus mit «Meer» und «Protection» angefüttert und alle Infos über die Schadensverursacher der Umweltprobleme aufgesogen. Ich habe mir den deprimierend-motivierenden BBC-Film «Ocean» von meinem Naturschutz-Hero, dem 99-jährigen David Attenborough, über die Desaster der Schleppnetzfischerei angeschaut und «The Storm» gelesen. Das Buch erzählt von den Anfängen der industriellen Fischerei und der daraus entstehenden Katastrophe: der Überfischung der Ozeane. Ich war parat für die Rettung der Meere. Bevor mein Einsatz begann, hatte ich schon alle wichtigen Petitionen unterschrieben.

TAG 0
BELLA FILICUDI
Von Milazzo (Sizilien) aus kommt man schnell auf Lipari. Wer aber wie ich als Ziel Filicudi hat, muss auf den Äolischen Inseln noch etwas Richtung Westen hüpfen. Das machen zum Glück nicht viele Touristen und so begrüsst mich die Insel Anfang Juni mit einem Laid-Back-Charme, der mich an Griechenland vor 40 Jahren erinnert. Ich bin spontan schockverliebt. Auf einer der drei Strassen der Insel fährt mich Franca nach Pecorini a Mare, dessen überschaubarer Hafen mein Zuhause für die nächsten zehn Tage wird. Ich richte mich ein und leiste es mir, die übliche Gruppenunterkunft gegen ein Appartement am Meer zu tauschen.
Bis zum Treffen mit der Gruppe am nächsten Tag habe ich bereits die Insel abgewandert, die archäologischen Plätze der Bronzezeit bewundert und kenne alle Bewohnenden von Pecorini a Mare mit Namen. Ich bin in meiner Lieblingswelt angekommen!


LIVING ANIMALS INSIDE
Die Meeresschutzstation von Filicudi Wildlife liegt zentral. Kein Tourist kommt daran vorbei, ohne von dem Schild «Living animals inside» neugierig gemacht zu werden. Alle betreten die Station, um die verletzten Schildkröten in den Bassins zu bestaunen. Diese Momente des Interesses nutzen die Mitarbeitenden von Filicudi Wildlife, um die unbedarften Touristen über die verschiedenen Gefahren für die Schildröten aufzuklären. So werden Schaulustige zwanglos über Meeresschutz informiert, auch wenn sie doch einfach nur mal gucken wollten.


TAG 1
DIFFERENT BUT SAME SAME
Heute ist World Ocean Day. Ein gutes Datum, meinen Einsatz im Dienste des Meeresschutzes zu starten. Die Gruppe trifft sich am Center. Ich zähle 10 Köpfe plus Vittoria Fiandino und Monica Blasi. Die beiden sind verantwortlich für das Volunteer-Programm und die Station. Ich bin nicht die Älteste – und nicht die einzige Nicht-Italienerin. Puh! Neben ein paar Studentinnen sind da zum Beispiel Laura als Immobilienmaklerin und Udo als IT-Experte bei einer Grossbank. Was uns verbindet: Wir alle wollen etwas über Naturschutz lernen, erleben, mithelfen und Gleichgesinnte treffen.
DIE NATUR GEHT VOR
Fischer haben heute zwei verletzte Schildkröten an die Station gebracht. Die in Not geratenen Tiere bekommen sofort einen Namen: Pablo und Jenny. Bevor wir etwas über den Ablauf der Woche erfahren, werden die Schildkröten versorgt. Klare Ansage – die Bedürfnisse der Tiere kommen vor denen der Menschen. Wir lernen bereits das Wichtigste über die lokalen Meerestiere, ihre Erkennungsmerkmale und die Gefahren durch die Fischerei. Schliesslich geht es morgen gleich auf den ersten Einsatz. Ich lerne, dass die Schildkröten caretta caretta (unechte Karettschildkröte) heissen, es verschiedene Delfinarten gibt und wir – wenn wir Glück haben – capodogli (Pottwale) sehen werden.
TAG 2
FREE TURTLE – TOT ODER LEBENDIG
Der Tag beginnt mit schlechten Nachrichten. Um 9 Uhr stellen wir fest, dass eine Schildkröte die Nacht nicht überlebt hat. Sie war in die Notaufnahme gekommen, weil sie einen Angelhaken verschluckt hatte. Anscheinend hat sie sich von den inneren Verletzungen nicht erholt. Die Trauer um das tote Tier schweisst uns als Gruppe spontan zusammen.
Es gibt auch etwas Positives. Wir können eine andere Schildkröte in die Freiheit entlassen. Ihre Vitalfunktionen wurden nach ihrer Genesung von einer Strangulation durch ein Netz noch ein paar Tage kontrolliert. Jetzt ist sie wieder fit für den Ocean. Wir nehmen beide Schildkröten aufs Zodiak und fahren los. Wir fahren viel Boot diese Woche. Das bringt Forschungsarbeit im Meeresschutz mit sich. Wir seebestatten die eine Schildkröte und lassen die andere frei. Das war der aktive Teil.

GUCKEN IM NAMEN DER WISSENSCHAFT
Ab jetzt schauen wir aufs Meer. Seestärke Null – Windstärke Null. Perfekte Bedingungen für Übersicht und Weitsicht beim täglichen Monitoring. Während alle konzentriert aufs Wasser gucken, hören unsere Ohren Infos über Gattungen, Erkennungsmerkmale und Verhalten von den einheimischen Fischen, Vögeln, Krabben oder Quallen. Vittoria und Monica wissen viel und teilen sich begeistert mit. Wonach wir Ausschau halten? Nach allem, was schwimmt und sich bewegt. Und alle 10 Minuten dokumentieren wir Position und Sichtung. Wir sammeln Müll, der Schildkröten gefährlich werden kann: herrenlose Netze und Fischereimaterial, Angelhaken, Styropor, Fasern, Plastik. Das Boot füllt sich.


HÖREN STATT SEHEN
Ausser Müll sehen wir nichts. Aber was wir nicht sehen, kann trotzdem in der Nähe sein. Wir horchen das Meer nach Fischgeräuschen ab. Mit einem Hydrophon (Unterwassermikrofon) lauschen wir, ob sich Delfine oder Pottwale in der Nähe befinden. Die Laute von einem Wal hört man damit bis zu 3 Kilometern. Beobachten, dokumentieren, Müll sammeln, mit dem Hydrophon lauschen: Das ist also wissenschaftliche Arbeit. Klingt eintönig – ist aber aufregend.
TAG 3
TAGESGESCHÄFT
Die Reinigung der Turtle-Bassins gehört zur täglichen Routine. Die Schildkröten werden gewogen, verarztet und jede kleine Veränderung dokumentiert. Ziel ist es, die Tiere so schnell wie möglich wieder in ihr natürliches Habitat zurückzuführen. Danach wieder ab auf die Boote. Auch heute sichten wir keine Fische und sammeln nur Müll. Erstaunlicherweise frustriert mich das nicht. Schliesslich bin keine Whalewatching-Touristin, sondern im Dienst der Forschung unterwegs.


Nachmittags gehen wir schnorcheln. Ich sehe die Unterwasserwelt mit anderen Augen, wenn mir eine Meeresbiologin jede Muschel und jeden Fisch erklärt. Viele Namen habe ich bereits wieder vergessen, aber die Meerestomaten (Seeanemonen) werden mich wohl zeitlebens an Italien erinnern.
Währenddessen wurde eine riesige Schildkröte in die Rettungsstation gebracht. Mafalda passt gerade so ins grösste Bassin. Eine Schiffskollision war vermutlich die Ursache für ihr schlechtes Schwimmverhalten. Monica und Vittoria diskutieren über die Behandlung, denn eventuell ist eine Schulter gebrochen.
TAG 4
VISITE UND THERAPIE
Um 9:00 Uhr wird täglich der Zustand der Schildkröten analysiert und über die Behandlungen gesprochen. Mafalda schwimmt immer noch schief. Sie soll nach Lipari zum Röntgen bei der Tierärztin. Also! Alle Mann an Bord – auch Mafalda – und Kurs auf Lipari.


AUSGERECHNET DELFINE
Ausgerechnet heute auf dem Seeweg nach Lipari, sehen wir Delfine. Also runter vom Gas, beobachten, dokumentieren. Es muss schnell gehen. Alles wird aufgezeichnet. Schliesslich hat sich Filicudi Wildlife Center dem EU-Projekt Life DELFI angeschlossen, um die Vorkommen und das Verhalten der Delfine in den Äolischen Gewässern zu erforschen.
Als Seglerin haben mich schon viele Delfine begleitet. Aber nie habe ich mehr getan, als mich an ihnen zu erfreuen. Jetzt heisst es, Alter, Rasse, Formation, Sprungverhalten. Schwimm-Richtung, Anzahl der Tiere herauszufinden – ganz schön stressig, wenn man alles mitschreiben muss.
HAUPTSTADTBESUCH MIT TURTLE
Auf Lipari wundert sich niemand über die Schildkröten-Prozession in Richtung Tierärztin. Jeder kennt Monica und ihr unerbittliches Engagement gegen die biologischen Schäden der industriellen Fischerei. Monica lebt auf Lipari inmitten der Fischer. Diese Nähe zu den Einheimischen hilft ihr, Sympathien für ihre Projekte zu sichern.
In der Zwischenzeit haben wir Voluntärinnen/ Voluntäre uns auf der Insel umgesehen, sizilianische Brioches und Granita geschlemmt und im Anschluss die gute Nachricht vernommen: Mafaldas Schulter ist nicht gebrochen. Das hat das Röntgenbild gezeigt. Nach ein paar Einheiten Physiotherapie kann sie wieder aus der Station entlassen werden.
TAG 5
FRUTTI DI MARE
Taucher haben uns eine Kiste mit kleinen Fischen geschenkt. Danke! Jetzt heisst es, sie auszunehmen und die Futterrationen zu portionieren. Normalerweise bevorzugen die Schildkröten Kalamare, Garnelen und Oktopus. Aber wenn sie Hunger haben, sind sie nicht wählerisch, vor allem, wenn ihnen das Futter mit der Pinzette Stück für Stück verabreicht wird.


MONITORING IST NICHT MONOTON
Beim täglichen Monitoring auf dem Meer erspähen wir zwei Schildkröten. Einer geht es gut, der anderen nicht. Woran man das erkennt? Eine schnappt natürlicherweise nach Luft und taucht ab, als wir näherkommen. Die andere stösst an unser Boot. Wir vermuten, dass sie Plastik gefressen hat, denn Kunststoff verursacht im Darm Auftrieb. Dadurch können Schildkröten Booten nicht ausweichen. Mit geübten Griffen holt Monica die Schildkröte an Bord. Wir taufen sie auf den Namen Lilo. Der Plan: Lilo in der Station ein paar Tage zu beobachten.
TAG 6
TRAURIGE WAHRHEIT
Lilo schwimmt im Bassin mit dem Hintern nach oben. Die Vermutung mit dem Plastik im Darm scheint sich bewahrheitet zu haben. Lilo wird jetzt 5 Tage lang nicht gefüttert, damit man die Fäkalien analysieren kann.
FALSCHER MÖNCHSROBBEN-ALARM
Segler haben am Abend zuvor berichtet, sie hätten eine Mönchsrobbe gesehen. Wir hoffen, dass sie sich auch uns zeigt. Das wäre ein Highlight zum Abschluss unserer Woche. Leider stirbt diese Hoffnung während unserer täglichen Beobachtungsfahrt. Dafür erfahren wir von Vittoria, dass man das Vorkommen einer Spezies mithilfe von DNA-Proben des Wassers analysieren kann.
FAZIT: REDEN IST WICHTIG – MACHEN AUCH
Mein Einsatz endet heute. Ich ziehe nach der Woche eine positive Bilanz. Es macht einen Unterschied, ob man nur über etwas liest oder sich selbst ein Bild von etwas macht. Während Hunderte Kilometer nördlich in Nizza die UN-Ozeankonferenz abgehalten und für eine bessere Welt plädiert wurde, habe ich meinen kleinen Beitrag zur Umsetzung aktiv durchgeführt. Das macht mich stolz und glücklich. Auch ohne Studium habe ich sehr viel gelernt und noch mehr erlebt. Das war mein erster Einsatz und sicher nicht mein letzter.
T: Paula Klemt
F: Paula Klemt/Cetacea Expeditions
Anbieter und Vermittler Meeres-Schutz-Einsätze:
www.eiis-education.com
www.oceancare.org
www.kyma-sea.org


